Direkt zum Inhalt

»Kinder, die durchs Raster fallen«: Für eine neuroinklusive Schule

Das Leid von neurodivergenten Kindern wird oft einfach so hingenommen. Dabei gäbe es, so Corina Elfe, einige Möglichkeiten, sie zu unterstützen – trotz großer struktureller Probleme des Schulsystems.

Wie fühlt es sich an, wenn man herausfordernde geistige Arbeit in einer Umgebung verrichten soll, die nicht auf diese Situation und die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet ist? Manche kennen vielleicht eine abgeschwächte Form dieser Erfahrung von sommerlichen Homeoffice-Tagen: Die Kinder haben frei und brauchen alle zehn Minuten irgendetwas, die Katze spaziert über die Tastatur, draußen mäht die Nachbarin den Rasen, bevor auch noch der Paketbote klingelt – während man selbst versucht, einen dringenden und komplizierten Bericht zu verfassen. Wer unter solchen Bedingungen Ruhe bewahren und etwas Brauchbares formulieren kann, hat wirklich etwas geleistet.

Nun stelle man sich ein Kind vor, von dem erwartet wird, dass es mehrere Stunden am Tag konzentriert dem Unterricht folgt, obwohl die anderen Kinder tuscheln, draußen die Autos im dichten Berufsverkehr hupen, die Deckenlampe flimmert und in der Nachbarklasse laut gelacht wird. Das ist schon für neurotypische Kinder, deren neurologische Funktionsweise den gesellschaftlichen Erwartungen größtenteils entspricht, eine Herausforderung. Wie muss sich so ein Schultag aber erst für ein neurodivergentes Kind anfühlen, bei dem etwa ADHS diagnostiziert oder das dem Autismus-Spektrum zugeordnet wurde und das daher solche »Ablenkungen« noch viel stärker wahrnimmt?

Neuroinklusive Bildung ist möglich

Corina Elfe beantwortet diese Frage gleich aus mehreren Perspektiven: Sie war 17 Jahre lang Gymnasiallehrerin, ist selbst neurodivergent und zudem Mutter neurodivergenter Kinder. Als psychologische Beraterin und ADHS-Elternberaterin konnte sie weitere Erfahrungen im Umgang mit Neurodivergenz sammeln und teilt diese nun als Dozentin, Autorin und Bildungsinfluencerin mit Schwerpunkt auf neuroinklusiver Bildung; sie versucht, Lernumgebungen zu schaffen, die wirklich allen Schülern gute Bedingungen bieten.

Elfe zeigt die strukturellen Defizite des deutschen Bildungssystems auf. Einige dieser Faktoren, etwa Zeitdruck oder veraltete Gebäude, lassen sich natürlich nicht durch das besondere Engagement einzelner Lehrkräfte verbessern. Wenig hilfreich ist auch die verbreitete Erwartung, dass es die Aufgabe der Erziehungsberechtigten sei, den Stoff mit den Kindern nachzuarbeiten, den diese nicht verstanden haben. Auch der Nachteilsausgleich, der neurodivergenten Kindern oftmals zustünde, wirft praktische Probleme auf – denn leider knüpfen manche Lehrkräfte seine Umsetzung an Bedingungen, welche die Schüler zuvor erfüllen müssen. Und wenn der Ausgleich doch konsequent umgesetzt wird, fällt für die Betroffenen die ohnehin schon kurze Pause zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden weg.

Alle könnten von Neuroinklusion profitieren

Die Autorin beschreibt ausführlich, auf wie vielen Ebenen es an wahrer Inklusion mangelt und wie oft im Schulalltag Kinder diskriminiert werden, die etwa eine Autismus-Spektrum- oder Lese-Rechtschreib-Störung haben oder mit ADHS oder Dyskalkulie zurechtkommen müssen. So werten manche Lehrkräfte schon kleine Abweichungen von der Norm – etwa Schläfrigkeit, Unruhe oder einen »uninteressierten« Gesichtsausdruck – als persönlichen Affront und sanktionieren diesen, manchmal sogar mit Folgen für die Stellung des Kindes in der Klasse.

Dabei würden von Neuroinklusion nicht nur Kinder mit einer der genannten Diagnosen profitieren, sondern alle Beteiligten. Denn ein neuroinklusiver Ansatz verschiebt den Blick weg von der Frage, wie Schüler sich besser an das bestehende System anpassen können, und konzentriert sich stattdessen darauf, »wie Schule so gestaltet werden kann, dass unterschiedliche neurobiologische Voraussetzungen von Anfang an mitgedacht werden«. So wird Ausgrenzung reduziert, während sich Beziehungen innerhalb der Klasse und zu Lehrkräften verbessern – was wiederum eine gute Grundlage für das Lernen und die individuelle Entwicklung aller Kinder schafft.

Dieses Buch schärft das Bewusstsein dafür, mit welchen Herausforderungen neurodivergente Kinder und deren Familien, aber auch die Lehrkräfte zu kämpfen haben. Allerdings, und daran kann auch die Lektüre nichts ändern, mangelt es diesen Hauptakteuren an Gestaltungsmacht innerhalb des Schulsystems. Trotzdem kann Elfe am Ende einige wertvolle Tipps dazu geben, was alle Beteiligten zu einer neuroinklusiven Lernumgebung beitragen können – bis eines Tages hoffentlich auch strukturelle Veränderungen durchgesetzt werden.

Kennen Sie schon …

Gehirn&Geist – Das Gehirn im Halbschlaf: Wie lokaler Schlaf unser Lernen unterstützt

Unser Gehirn schaltet selbst im Schlaf nicht vollständig ab, immer wieder sind einzelne Hirnareale aktiv. Umgekehrt ist es im Tagesverlauf: Stark beanspruchte Bereiche legen immer wieder kurze Pausen ein und fahren ihre Aktivität herunter. Was Forscherteams über die Strategien des Gehirns im Halbschlaf herausgefunden haben, lesen Sie in dieser Ausgabe. Außerdem gehen wir der Frage nach, ob das Spurenelement Lithium tatsächlich bei verschiedensten körperlichen und psychischen Leiden helfen kann. Wir berichten darüber, wie Feinstaub das Gehirn angreift und belastet, warum Bildungsreformen in Deutschland immer wieder scheitern, und starten eine neue Serie zum Thema »Neuroprothesen« – mit einem Auftaktartikel über ein Hightech-Sprachrohr fürs Gehirn.

Spektrum Dossier – Die Macht der Gene

Was vererbt wurde, kann ein ganzes Leben beeinflussen. Trotzdem hängt unser Schicksal nicht nur von Genen ab. »Spektrum Dossier: Die Macht der Gene« zeigt, was unsere Gesichtszüge beeinflusst, welche genetische Vielfalt Autismus zugrunde liegt und dass Musikalität mehr als nur Veranlagung ist.

Spektrum - Die Woche – DeepSeek erschüttert erneut die KI-Welt

»Die Woche« analysiert, wie das KI‑Modell DeepSeek die globale KI‑Landschaft verändert. Zudem: Warum die körperliche Fitness von Kindern und Jugendlichen seit Corona sinkt, weshalb Alltagsgespräche seltener werden und wie neue Verfahren der Quantenfehlerkorrektur Quantencomputer voranbringen.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.