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»Klar zur Wende«: Innovation statt Verzicht und Angst

Karl-Ludwig Kley wagt einen fundierten, erfrischenden und durchaus optimistischen Blick auf die Möglichkeiten einer qua Technologie gelingenden Energiewende.
Windräder vor einem Sonnenuntergang

Der Klimawandel ist eine unbestreitbare Tatsache. Klimaforscher aus verschiedenen Disziplinen wie Meteorologie, Geologie oder Biologie, die Veränderungen seit der Industrialisierung untersuchen, sind sich einig: Diese sind zum größten Teil auf menschliches Handeln zurückzuführen. Ebenfalls klar ist, dass sie katastrophale Auswirkungen haben und haben werden, etwa das Ansteigen des Meeresspiegels oder das Schmelzen der Gletscher. Aber so eindeutig diese Befunde sind, so wenig Einigkeit herrscht darüber, was zu tun ist. Die einen halten es für unverzichtbar, dass die westliche Welt ihren Lebenswandel radikal ändert und dabei auch auf Wohlstand verzichtet. Andere sind überzeugt, dass die Lösung nicht im Rück-, sondern im (vor allem technologischen) Fortschritt liegt. Zu Letzteren gehört Karl-Ludwig Kley. Der Ex-Manager, der unter anderem Vorsitzender des Aufsichtsrates von E.ON war, präsentiert in »Klar zur Wende« zehn »ungehaltene Reden« zum Klimawandel und vor allem zur Ausgestaltung der Energiewende.

Kleys erste Darstellung der Energiewende entstammt dem Projektmanagement: das magische Dreieck. Dieses Modell beschreibt das Zusammenspiel dreier Faktoren, auf die es ankommt, die aber meist nicht miteinander vereinbar sind. Ziel muss es daher sein, eine Balance herzustellen, die einem idealen Ergebnis möglichst nahekommt. Bei der Energiewende geht es um die Faktoren »Sicherheit« (es muss immer genug Energie vorhanden sein), »Kosten« (Energie muss für Industrie und Privatverbraucher bezahlbar sein) und »ökologischer Nutzen« (Energieerzeugung soll die Umwelt möglichst wenig schädigen). Unter dieser Maßgabe betrachtet der Autor dann die verschiedenen Energiequellen und deren Anwendungsbereiche, hierbei vor allem auch Energieträger der Zukunft, etwa Wasserstoff. Kley kommt zu dem Ergebnis, dass für eine gelungene und kosteneffiziente Energiewende in Deutschland alle Voraussetzungen gegeben seien, aber der politische Wille fehle. Der Autor identifiziert eine Reihe politischer Probleme, wie man sie von Seiten (wirtschafts-)liberaler Analysten immer wieder hört: Die Bürokratie ersticke Innovation; die Regierung »mikromanage« zu viel, wie etwa beim Heizungsgesetz geschehen; und Subventionen schädigen die Wirtschaft langfristig. Diese Argumentation ist durchaus fundiert, wie Kleys Blick auf den Werdegang der Solarenergie hierzulande belegt. Deutschland sei in diesem Bereich in den frühen 2000er Jahren führend gewesen, was unter anderem auf kräftige staatliche Subventionen zurückzuführen sei. Doch ebenjene Subventionen verhinderten gleichzeitig, dass kostengünstige und effiziente Herstellungsmethoden entwickelt wurden, da sie höhere Produktionskosten auffingen und so indirekt Innovationen verhinderten. Zeitgleich entwickelte sich in China eine Industrie, die unter anderem wegen massenhafter Produktion günstige Preise machen und so bald den Weltmarkt dominieren konnte, nachdem in Deutschland die Subventionen ausgelaufen waren.

Der Blick auf unsere Nachbarn

Interessant ist neben solchen Erklärungen volkswirtschaftlicher Mechanismen auch der Blick des Autors auf unsere Nachbarn. So verfolgen Polen oder Frankreich bei der Atomenergie eine völlig andere Strategie als die aktuelle Bundesregierung und ihre Vorgänger. Kley führt das auch auf kulturelle Unterschiede zurück. Polen etwa sei sich des Risikos solcher Anlagen bewusst und akzeptiere es angesichts ihrer ökonomischen und (hinsichtlich des CO2-Ausstoßes) ökologischen Vorteile. Deutschland dagegen versuche, einen komplett risikofreien Zustand zu erreichen. Ähnliches gelte für das Fracking, bei dem durch Druck Erdgas aus Gesteinsschichten gelöst wird. Statt einer wissenschaftlich fundierten Diskussion bestimme in Deutschland die Angst vor Risiken das Handeln bei diesem Thema, obwohl besagte Risiken insgesamt eher gering seien.

Die zehn Kapitel von »Klar zur Wende« sind sehr gut geschrieben, wenn es auch keine Reden im eigentlichen Wortsinne sind. Besonders in der detaillierten Erklärung einzelner Technologien wird deutlich, dass der Autor über 20 Jahre im Energiesektor gearbeitet hat und hier über umfassende Kenntnisse verfügt. Besonders für technisch interessierte Leser ist das Buch sehr empfehlenswert, auch wenn beim Lesen immer wieder Zweifel in Bezug auf die Beweggründe des Autors aufkommen, da dieser der Industrie sehr nahesteht. Dennoch ist das Buch ein erfrischender, hoffnungsvoller Beitrag zu einer Debatte, die in letzter Zeit immer düsterer und auswegloser zu werden drohte.

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