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Hirnfitness in Häppchen

Der französische Mediziner Michel Cymes stellt ein Verwöhnprogramm für das Gehirn vor.

Das Gehirn möglichst lange fit halten – wer möchte das nicht? Ein attraktives Thema also, dessen sich der Arzt und Fernsehmoderator Michel Cymes annimmt. Trägt ein Buch dann die Worte »alles über« im Untertitel, sind die Erwartungen entsprechend groß. So groß, dass der Autor sie auf den 288 Seiten nicht erfüllen kann. Was das Kleinhirn vom Großhirn will, wie es im Titel heißt, erfahren wir beispielsweise nicht.

Die französische Originalausgabe lautet schlicht »Votre cerveau«, zu Deutsch »Ihr Gehirn«, und trägt den Untertitel »Wie Sie es verwöhnen«. Auf diesem Coverbild serviert Cymes ein Gehirn auf dem Silbertablett ‒ zusammen mit ärztlichen Ratschlägen zu Ernährung, Gedächtnis, Glück und mehr. Dieses Ver­sprechen löst er ein. In den gut verständlichen Kapiteln, die sich auch für Leser ohne Vorkenntnisse eignen, finden sich neben vielen Wissenshappen zur Hirngesundheit auch ein paar lebensnahe Tipps: Cymes' Anleitungen zu kleinen Selbstexperimenten sollen etwa helfen, den Schlaf zu optimieren oder sich von Smart­phone, Tablet und Computer zu entwöhnen. Nach der Lektüre kann man auch etwas mit Begriffen wie »freie Radikale«, »Neuroplastizität«, »Hippocampus« oder »Amygdala« anfangen und hat eine Ahnung davon, wie Wissenschaftler die Effekte von Meditation messen und warum Nonnen als Versuchsgruppe der Traum eines jeden Statistikers sind.

Feintuning am Lebensstil

Leider hat die Übersetzung ins Deutsche offenbar auch etwas von Cymes' Wortwitz aus dem Buch herausgewaschen. Immerhin provoziert die Lektüre an mancher Stelle ein Schmunzeln. Sein liebstes Stilmittel sind rhetorische Fragen und Übertreibungen. Mitunter sieht man den Autor allerdings geradezu mit erhobenem Zeigefinger vor sich: Stell deine Ernährung um, treibe Sport und kommuniziere gewaltfrei! Um Letzteres umzusetzen, mahnt er, das Gegenüber nicht zum unmündigen Kind zu degradieren. Ob er das ein Stück weit mit seinen Lesern tut, sei der subjektiven Wahrnehmung über­lassen. Er sucht aber immer wieder die Augenhöhe mit dem Publikum – mit Formulierungen wie »Ja, ich kenne das …«.

Zu Anfang unterzieht sich jeder Leser einem Ernährungscheck, ähnlich wie bei einem Arztbesuch. Cymes zählt Lebensmittel auf, die gut für das Gehirn sind, und legt dar, wie sich bestimmte Produkte auf die Hirngesundheit auswirken. Das dürfte selbst für diejenigen aufschlussreich sein, die sich bereits bewusst ernähren. Sind diese Tipps verdaut, beschreibt er im zweiten Kapitel, wie »positive Gewohnheiten« zum Wohlbefinden des Gehirns beitragen können, und geht auf diverse Themen wie Sport, Stress, Kultur und Sucht ein. In diesem Teil stoßen wir auch auf den Titelhelden: das Kleinhirn. Trinken wir Alkohol, setzt der es schachmatt, schildert Cymes. Bis der Rausch nachlässt, müssen die Koordination unserer Bewegungen und unser Gleichgewicht dann zurückstehen.

Im nächsten Abschnitt umreißt der Mediziner, wie unser Gedächtnis funktioniert, und gibt Tipps, wie man es verbessern kann – etwa mit Bewegung, Schreiben mit der Hand, Schach und einem Assoziationsspiel, in das ihn ein Gedächtnischampion eingeweiht hat. Zuletzt widmet er sich Fällen, in denen das Gehirn nachlässt, und schildert die Anzeichen und Risikofaktoren einiger neurologischer und psychischer Erkrankungen.

Es ist ein ziemlich großes Projekt, so ein komplett gehirnfreundliches Leben. Da ist es hilfreich, dass man Cymes' Buch auch häppchenweise lesen kann. Besonders gern serviert der Autor Tipplisten à la »Zehn Nahrungsmittel für das Glück« oder »Zehn Ratschläge, Glück zu kultivieren«. Ein zentrales Element stellen die Kästen am Ende vieler Unterkapitel dar. In denen unterfüttert er das eben Gelesene etwa mit einer Studie oder einem weiteren Alltagsbeispiel.

Schade ist, Cymes die zahlreichen Forsche­rinnen und Forscher nicht beim Namen nennt, die hinter den genannten Studien stehen, und zudem im Text auf Quellenverweise verzichtet. Insbesondere für Laien wäre eine Grafik hilfreich gewesen, welche die Lage der beschriebenen Areale im Gehirn aufzeigt. Ebenso dürften einige Leser die Stirn runzeln, wenn der Autor in einer Überschrift behauptet, Algen förderten die Hirnentwicklung – ohne im Text auf diese These einzugehen. Dennoch macht das Werk immer wieder Lust auf ein wenig Feintuning am Lebensstil.

Cymes' Anspruch ist keineswegs gering, wie er im Nachwort deutlich macht: Man möge nach dem Lesen ein zweites Leben beginnen. Den einen oder anderen Ratschlag auszuprobieren, sei ein Anfang, relativiert er dann. Puh!

36/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2018

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