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Als Europa fast menschenleer war

Dieses opulente Buch ist sowohl hinsichtlich seiner Masse von zweieinhalb Kilogramm als auch bezüglich seines Inhalts ein Schwergewicht. Es verbindet moderne Klimaforschung mit einem Rückblick auf die Erdneuzeit, das Känozoikum. 24 Artikel von 21 Autoren(teams) beleuchten die Lebenswelten in diesem Kapitel der Erdgeschichte. Dabei behandeln sie dessen ältere Abschnitte, das Paläogen (66 bis 23 Millionen Jahre vor heute) sowie das Neogen (23 bis 2,6 Millionen Jahre vor heute). Vor allem aber widmen sie sich dem jüngeren Quartär (2,6 Millionen Jahre vor heute bis jetzt), in dem die Entwicklung des Menschen stattfand. Das Buch begleitet die gleichnamige Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, die noch bis zum 21. Mai 2018 läuft.

In den ersten Kapiteln geht es um die Erforschung des Klimas vergangener Zeiten. Im Vordergrund steht, welche Erkenntnisse die Wissenschaftler gewinnen, wenn sie grönländische und antarktische Eisbohrkerne und die darin gefangenen Gase analysieren. Die Autoren erörtern aber auch, wie sich Sedimentbohrkerne der Tiefsee interpretieren lassen, in denen die Abfolge von Kleinstlebewesen – etwa Foraminiferen – eine zeitliche Entwicklung wiedergibt. Die verschiedenen Verfahren werden anschaulich erklärt; hilfreiche Abbildungen verdeutlichen, wie Forscher die unterschiedlichen Messparameter auswerten. Zudem gehen die Autoren auf kosmische und astronomische Faktoren ein, beispielsweise die Milanković-Zyklen, denen heute eine größere Bedeutung beigemessen wird als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Nur der Wandel hat Bestand

Anhand beeindruckender Bilder lernen die Leser vor allem die Tier-, aber auch die Pflanzenwelt des Känozoikums kennen. Darstellungen von Objekten aus den großen Fossillagerstätten Mitteldeutschlands vervollständigen das Bild. Zu den besonders zu nennenden Fundorten gehören das Geiseltal in Sachsen-Anhalt und Wiesa in Sachsen. Staunen dürften viele Leser über die behandelten paläogeografischen Erkenntnisse. Die Veränderung der Kontinente ist ein bis heute andauernder Prozess und setzt sich weiter fort – auch infolge beschleunigten Abschmelzens kontinentaler Eismassen. Nichts ist von Dauer: Dieses Kredo durchzieht das ganze Buch.

Die zweite Hälfte des Werks befasst sich mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Menschen. Vor- und Frühformen (Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus und so weiter) erschienen schon im frühen Pleistozän, also etwa vor gut zwei Millionen Jahren. In diesem so genannten Eiszeitalter kam es – erdgeschichtlich gesehen wieder einmal – zu dramatischen Temperaturrückgängen, und beide Polkappen vereisten. Vor allem auf der Nordhemisphäre mit ihren großen Landmassen hatte das gravierende Folgen. Die schnelle Abfolge von Kalt- und sehr kurzen Warmzeiten führte zu permanenten Veränderungen der Fauna und Flora. In den extremen Kältephasen lag die gemittelte Julitemperatur um zwölf Grad unter der heutigen! Zu diesen Zeiten war Europa nur von wenigen tausend Personen besiedelt, also fast menschenleer. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar.

Dennoch verbreitete sich Homo sapiens überregional und besiedelte als "Spezialist im Unspezialisiertsein" nahezu alle Landschaftstypen des Planeten. Ausschlaggebend hierfür waren epochale Innovationen, die ihm sein einzigartiges Gehirn ermöglichte. Dazu gehörten die Beherrschung des Feuers sowie "echte Erfindungen" (die neue Technikprinzipien in die Welt setzten) wie der Gebrauch von scharfen Steinwerkzeugen oder die dauerhafte Verbindung zweier Werkstücke mit Klebstoff. Fernwaffen wie Speer, Speerschleuder sowie Pfeil und Bogen steigerten den Jagderfolg beachtlich. Eine der wichtigsten Erfindungen im Eiszeitalter war jedoch die Nähnadel. Die Schaffung eines eigenen Mikroklimas dank wärmeisolierender Kleidung erlaubte dem Menschen, neue und unwirtliche Lebensräume zu erschließen. Wie am archäologischen Befund abzulesen, wurden das Sozialgefüge menschlicher Gruppen und ihre Organisation des Raums mit der Zeit immer komplexer. Als eine Art Gegenpol zu den rein nützlichen Dingen schuf der Mensch die Kunst. Auch diesen überaus wichtigen Aspekt der Kultur behandeln die Autoren gebührend.

Der durchweg mit hilfreichen Grafiken, Diagrammen und sehr guten Fotos bestückte Band besticht mit seinen fachlich soliden und zugleich verständlich geschriebenen Autorenbeiträgen. Dem Buch sind viele Leser und der Ausstellung viele Besucher zu wünschen.

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