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Intelligenzbestien

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Diese Frage, mit der Juliane Bräuer ihr Buch über die tierische Intelligenz einleitet, gehört in der Tat zu den spannendsten in der Biologie. Traute man "der Kreatur" jahrhundertelang intellektuell so gut wie nichts zu, zeigen die Ergebnisse der vergleichenden Kognitionsforschung, zu welch erstaunlichen Leistungen Tiere fähig sind. Der Titel bringt die Botschaft des Buchs auf den Punkt: Sie sind "klüger als wir denken".

Bräuer ist Biologin und forscht am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sie gliedert ihr Werk in zwei Teile. Im ersten geht es darum, wie Tiere ihre physikalische Umwelt wahrnehmen. Der umfassendere zweite behandelt die soziale Kognition, also die Fähigkeit, mit anderen Individuen zu interagieren.

Die Autorin formuliert provokante Kapitelüberschriften wie "Nur Menschen denken logisch", "Nur Menschen haben eine Sprache" oder "Nur Menschen helfen einander" – um diese Behauptungen dann zu widerlegen. Meist beginnen die Kapitel mit einem szenischen Einstieg ("Stellen Sie sich vor …"); im Anschluss daran befasst sich Bräuer mit zahlreichen Studien aus der Verhaltensforschung.

Aufschlussreiches Hühnergackern

Das Werk vermittelt viel Wissenswertes über die oft verblüffenden Fähigkeiten der Tiere und erweist sich dabei als durchweg anschaulich und verständlich. Die ergänzenden Grafiken sind nicht immer schön, aber meist hilfreich. Einen kleinen Lapsus leistet sich Bräuer in der Einleitung, in der sie Darwins Evolutionstheorie ein ganzes Jahrhundert vorverlegt: "Seit Darwin hatten wir 250 Jahre Zeit, uns daran zu gewöhnen, dass Schimpansen mit uns nah verwandt sind." Das stört jedoch den guten Gesamteindruck wenig. Die niedlichen Erdmännchen auf dem Titelbild führen den Leser allerdings ein wenig in die Irre, denn Bräuer erwähnt sie nur am Rande.

Während der Lektüre erfahren wir unter anderem, dass Hühnerküken einfache Additionen beherrschen, Delfine grammatische Regeln anwenden und Bonobos manchmal gemeinsam an einem Strang ziehen. Bereits bekannt sein dürfte, dass Schimpansen Werkzeuge und Waffen gebrauchen, Bienen mit Hilfe von Tänzen kommunizieren oder Makaken Kartoffeln waschen. Doch Bräuer präsentiert immer wieder auch überraschende Befunde: So kommt das scheinbar eintönige Gegacker der Hühner einer Sprache gleich, indem es diverse Informationen transportiert, die andere Hühner situationsgemäß auswerten.

Affen, die nachäffen

Wenn Tiere wirklich so klug sind, was unterscheidet sie von uns? Auch hierzu kann die Autorin zahlreiche Erkenntnisse vorweisen – und das ist der interessanteste Teil ihres Buchs. So zeigen sich Schimpansen meist nur hilfsbereit, wenn sie selbst einen Nutzen daraus ziehen. Hunde sind zwar häufig willens, Menschen zu helfen, verstehen aber nicht immer, wie sich das bewerkstelligen lässt. Nur der Mensch hat eine außerordentliche Kooperationsfähigkeit entwickelt, gepaart mit einem starken Gerechtigkeitssinn, der auch das typisch menschliche Bedürfnis nach Rache beinhaltet. Zudem können wir Artgenossen deutlich besser imitieren als Tiere: Menschen sind Affen, die nachäffen, zitiert Bräuer ihren Kollegen Michael Tomasello. Und während Schimpansen, die etwa bestimmte Techniken des Nussknackens traditionell weitergeben, sich in ihrer Kultur kaum weiterentwickeln, bauen menschliche Gesellschaften auf dem angehäuften Wissen vorheriger Generationen auf.

Wie jedes Tier ist auch der Mensch ein Ergebnis der Evolution. Seine Embryonalentwicklung vollzieht sich nach denselben Gesetzmäßigkeiten, sein Bauplan ist im Wesentlichen der gleiche wie bei anderen Säugetieren – er hebt sich somit auch kognitiv nicht prinzipiell von ihnen ab. Bräuer wirbt deshalb für mehr Verständnis und Respekt unseren "Mit-Tieren" gegenüber. Nach der Lektüre ihres Werks ist man dazu gern bereit.

8. KW 2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 8. KW 2015

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