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Verletzt und verbittert

Es passiert jedem von uns hin und wieder: Das Verhalten eines Mitmenschen versetzt uns einen Stich – ob ein Freund unseren Geburtstag ignoriert, die Schwiegermutter nichts zu trinken anbietet oder der Bruder einen Gefallen ausschlägt. Der psychologische Psychotherapeut Frank-Matthias Staemmler möchte in seinem Buch aufzeigen, wie sich solche Kränkungen im Alltag vermeiden lassen und wie wir, wenn wir bereits verletzt worden sind, so gut wie möglich damit umgehen können.

Staemmler, der als Gestalttherapeut und Supervisor arbeitet, konzentriert sich auf Zwischenfälle im Privatleben, sei es in einer Partner- oder Freundschaft, in der Familie oder beim Arzt- oder Restaurantbesuch. Herabwürdigungen bei der Arbeit haben ihm zufolge oft andere Gründe, beispielsweise geplante Entlassungen, und gehörten daher oft in die Kategorie Mobbing.

Raus aus dem Täter-Opfer-Schema

Täter-Opfer-Denken helfe niemandem weiter, so eine zentrale These des Autors. Im Gegenteil: Es könne einen Teufelskreis nach sich ziehen. Sieht sich der Gekränkte als Opfer, zieht er sich entweder zurück oder er versucht dieser Rolle zu entfliehen, indem er den vermeintlichen Täter nun seinerseits beleidigt. Die Annahme, es sei für die Konfliktbewältigung hinderlich, sich als Opfer zu sehen, ist leider die einzige, die Staemmler mit empirischen Befunden belegen kann. Ansonsten stützt er sich allein auf psychologische Theorien und eigene Erfahrungen aus seinem Privat- und Berufsleben.

Der Gestalttherapeut erläutert ausführlich und anschaulich die psychologischen Mechanismen, die dafür sorgen, dass man sich gekränkt fühlt. Dieses Wissen soll dabei helfen, besser mit so einer Situation umzugehen. Denn ob uns ein bestimmtes Verhalten verletzt, hängt auch von den persönlichen Zielen, Erwartungen und Einstellungen ab.

Staemmlers Tipps sind zum Teil gewöhnungsbedürftig und dürften auf manche Leser befremdlich wirken. So rät er, nicht unmittelbar auf verletzende Äußerungen oder verletzendes Verhalten zu reagieren, sondern Bedenkzeit einzufordern, während man sich zum Trost selbst streicheln oder den "Übeltäter" bitten könne, einen an der Hand oder in den Arm zu nehmen.

Schwierige Interpretation

Die Vorschläge zur Prävention sind dagegen deutlich praxisnäher. Staemmler zufolge sollte man beispielsweise stets im Hinterkopf behalten, dass es unsicher ist, ob man die Aussage des Gesprächspartners richtig interpretiert hat. Zudem sei es ratsam, immer wieder zu prüfen, ob die eigenen Erwartungen nicht zu hochgesteckt sind. Um selbst seltener Gefahr zu laufen, andere mit unbedachten Formulierungen zu verletzen, solle man häufiger seine ehrliche Anerkennung zeigen, damit das Selbstwertgefühl des Gegenübers nicht so leicht zu erschüttern sei.

Das Werk liest sich angenehm, unter anderem weil der Autor Fachbegriffe nur niedrig dosiert einsetzt und seine Gedanken anschaulich formuliert. Etwas irritierend: Staemmler wechselt ohne erkennbares Prinzip zwischen männlicher und weiblicher Form (wie er es zu Beginn auch ankündigt). Mal steht da Leser, mal Leserin, mal der Gekränkte, mal die Gekränkte.

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