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Auf Biegen und Brechen

Kreativität werde in Zukunft immer wichtiger, prophezeien David Eagleman und Anthony Brandt. In ihrem Buch liefern sie ein Trainingsprogramm.

In den Augen des Hirnforschers David Eagleman und des Musikwissenschaftlers und Komponisten Anthony Brandt ist das menschliche Gehirn ein merkwürdiges Ding: Einerseits liegt ihm das Gewohnte und Berechenbare, denn dann kann es seine Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsautomatismen abspulen und dadurch viel Energie einsparen. Andererseits ist es rastlos auf der Suche nach Überraschendem, Unvorhersehbarem und Neuem und wird augenblicklich hellwach, wenn es darum geht, auf solche Herausforderungen mit innovativen Strategien zu antworten.

Mit der Frage, was sich beim erfinderischen Denken im Gehirn abspielt, halten sich die Autoren nicht lange auf. Stattdessen arbeiten sie heraus, dass jede Form der Kreativität ein sozialer Prozess ist. Sogar Kunstwerke würden unter keinen Umständen von Eremiten hervorgebracht, sondern seien immer Gemeinschaftsprodukte. Denn Romane werden von anderen Romanen inspiriert, Gedichte von Gedichten oder wissenschaftliche Erkenntnisse von bereits vorliegenden Erkenntnissen.

Das Biegen, das Brechen und das Verbinden

Ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen die beiden drei grundlegende Operationen der Kreativität: das Biegen, das Brechen und das Verbinden. Unter Biegen verstehen sie, die Form eines Objekts abzuwandeln. So gibt es neuerdings Regenschirme, deren Speichen außen liegen, damit sie starkem Wind besser standhalten. Brechen meint, ein Objekt zu zerlegen und seine Bestandteile dann anders zusammenzufügen – Beispiele hierfür sind die kubistische Malerei oder die gesamte digitale Technik. Und Verbinden heißt, durch Kombination mehrerer Objekte etwas Neuartiges zu schaffen.

Wie lässt sich das kreative Denken in Schulen, Universitäten und Unternehmen fördern? Auch hierzu haben die Forscher einiges zu sagen. Es genüge nicht, behaupten sie, sich Wissen bloß anzueignen. Denn auch diese Inhalte müsse man biegen, brechen und miteinander verknüpfen. Und die Fähigkeit könne man in erster Linie lernen, indem man sich intensiv mit den schönen Künsten befasst. Unternehmen seien daher umso innovativer, je mehr Varianten sie bei der Entwicklung neuer Produkte erprobten.

Eagleman und Brandt plädieren dafür, Umgebungen zu schaffen, die sich in Brutstätten der Kreativität verwandeln können. So wie das Gebäude 20 des Massachusetts Institute of Technology, ein während des Zweiten Weltkriegs provisorisch zusammengenagelter Sperrholzbau, der nach wie vor mit Schiebefenstern und vorsintflutlichen Sanitäranlagen ausgestattet ist. Aber dafür lässt sich das Gebäude mit minimalem Aufwand beliebig umbauen, was es Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen erleichtert, sich kennen zu lernen und ihre Ideen auszutauschen. Mittlerweile gilt dieser Ort als »magischer Brüter«, denn hier entwickelte Noam Chomsky seine generative Transformationsgrammatik, hier konstruierte Amar Bose (1929–2013) seine berühmten Lautsprecher, und hier revolutionierte Harold Edgerton (1903–1990) die Hochgeschwindigkeitsfotografie.

Die Autoren prophezeien der Kreativität eine große Zukunft: Denn die »Vernetzung der Gehirne« nehme durch technische Errungenschaften wie das Internet oder den Fernverkehr ständig zu, es gebe immer mehr Material, das man biegen, brechen und verbinden könne, und das kreative Kapital von Frauen und sozial benachteiligten Schichten werde erst teilweise genutzt.

Eagleman und Brandt legen in ihrem Buch keine neue Theorie der Kreativität vor. Und man kann ihnen auch vorwerfen, gelegentlich zu übertreiben. Sie behaupten etwa, dass das innovative Umkrempeln, welches sie als »kreative Zerstörung« bezeichnen, vor nichts Halt mache und selbst die Unterscheidung zwischen hohen und tiefen Tönen keine Universalie, sondern eine erlernte Konvention sei. Doch diese Einwände fallen kaum ins Gewicht. Denn das reich illustrierte Werk macht anhand etlicher verblüffender Beispiele deutlich, auf welchen Verfahren Kreativität beruht und wie eng technische mit künstlerischen Innovationen zusammenhängen. Die Autoren sind der Ansicht, einfallsreiches Denken benötige reichlich Input und lasse sich trainieren. Mit ihrem Buch haben sie das Trainingsprogramm geliefert.

4/2018 (Oktober/November)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 4/2018 (Oktober/November)

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