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Wider den Transhumanismus

Der Informatiker Klaus Mainzer zählt zu den produktivsten Denkern an der Schnittstelle von Technik-, Kultur- und Naturwissenschaften. In zahlreichen Schriften hat er sich mit Komplexität, Information, Zeit und Zahlen beschäftigt – und immer wieder mit Computertechnologie, in der sich alle zuvor genannten Themenfelder überschneiden. Computer bestimmen unsere derzeitige Lage mehr als alle anderen Maschinen, weshalb sie kritischer Beobachtung bedürfen. Insbesondere das Phänomen der Künstlichen Intelligenz (KI), das als feuilletonistisches "Gespenst" zusammen mit der Rechentechnik auftauchte und jahrzehntelang vor allem als Angstbild die kulturelle Debatte prägte, verdient eine genauestmögliche Betrachtung.

Diese hat Klaus Mainzer nun bereits zum dritten Mal angestellt. 2003 publizierte er das Werk "Künstliche Intelligenz", in dem er den Einfluss der KI auf unterschiedliche technische, wissenschaftliche und soziale Sphären vorstellte und diskutierte. 2010 folgte mit "Leben als Maschine" eine Schrift zur Systembiologie, in der Mainzer transhumanistische Technologien diskutierte. Nun wirft er erneut einen Blick auf das Phänomen, und zwar nicht nur, weil es in den zurückliegenden Jahren maßgebliche technische Fortschritte beim Verwirklichen verschiedener KI-Systeme gegeben hat. Sondern auch, weil intelligente Systeme unser Dasein heute viel stärker beeinflussen als früher. Von selbstfahrenden Autos über Spracherkennungssysteme bis hin zu Big-Data-Anwendungen in sozialen Netzwerken prägen KI-Algorithmen unser Leben.

Licht in den Metapherndschungel

Der Autor resümiert diese Entwicklung in seinem Buch, indem er den Werdegang verschiedener Technologien vorstellt: Expertensysteme, Sprachsynthese und -verständnis, neuronale Netze und Robotik. Anders als in früheren Werken geht Mainzer hier jedoch detaillierter, man könnte fast sagen: didaktischer vor. Im dritten Kapitel zur Automatisierung des logischen Denkens etwa bekommt der Leser eine Kompakteinführung in die Logik, die dem Verständnis von KI-Programmiersprachen, automatischer Beweisführung und Komplexitätstheorie zu Grunde liegt. In anderen Kapiteln verfährt der Autor ähnlich. Er rekapituliert die Chomsky-Hierarchien, die Automatentheorie, die Lernalgorithmen für neuronale Netze und anderes mehr. Dabei argumentiert er stets mit formalen Sprachen, Mathematik, Diagrammen und Codebeispielen – oft auf einem Niveau und in einer Kompaktheit, die einen Blick in die aufgelistete weiterführende Literatur erfordert.

Diese Vorgehensweise, das offenbart sich in den Schlusskapiteln, ist jedoch die einzig adäquate, um dem Metaphern-Dschungel, der den KI-Diskurs durchzieht, zu lichten. Die im Untertitel des Bands angeführte, ein wenig feuilletonistisch anmutende Frage "Wann übernehmen die Maschinen?" wird durchaus auf diesem Niveau gestellt und beantwortet. Zum Transhumanismus als Wissenschaftsutopie (von Raymond Kurzweil und anderen propagiert) entwickelt Mainzer eine Antithese: Während Transhumanisten von der "Singularität" träumen, dem Moment, in dem KI die individuelle und kollektive Intelligenz des Menschen übertrifft, setzt sich Mainzer für eine aufgeklärt-kritische Technikgestaltung ein. Diese müsse interdisziplinär (sozial-, kultur- und naturwissenschaftlich) und faktenbasiert (techno-mathematisch) vorgehen: "Logik, Mathematik und Physik bleiben der gesetzliche Rahmen jeder Technikentwicklung. Wir benötigen fachübergreifende Grundlagenforschung, damit uns die Algorithmen nicht aus dem Ruder laufen."

Mainzers neues Buch ist nicht nur eine empfehlenswerte Einführung in das Themenfeld KI für Technik- und Kulturwissenschaftler. Es trägt darüber hinaus zur Debatte um eine kritische Technikfolgenabschätzung und Technikphilosophie bei und begründet, warum hier interdisziplinäre Ansätze erforderlich sind. Wünschenswert wäre ein größerer Umfang gewesen, um die Erklärungen ausführlicher zu gestalten, und ein größeres Format. In der vorliegenden Taschenbuchform ist die Schriftgröße mancher Absätze schon beinahe mikroskopisch zu nennen. Zusammen mit dem stark glänzendem Bilderdruckpapier stellt das die Mustererkennung des menschlichen Auges deutlich auf die Probe.

Hinweis der Redaktion: Spektrum der Wissenschaft und Springer gehören beide zur Verlagsgruppe Springer Nature. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Rezensionen. Spektrum der Wissenschaft rezensiert Titel aus dem Springer-Verlag mit demselben Anspruch und nach denselben Kriterien wie Titel aus anderen Verlagen.

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