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»Landverstand«: Landwirtschaft verstehen statt verteufeln

Der Agrarwissenschaftler Timo Küntzle schreibt gegen vereinfachte Vorstellungen von bäuerlicher Arbeit und Umweltschutz an. Eine Rezension.
Milchkühe fressen aus einem Trog mit Kraftfutter.

In puncto Klima- und Umweltschutz steht die Landwirtschaft oft am Pranger. Umweltverbände, Medien und auch einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen nicht selten den »schädlichen« Einfluss, den vor allem die konventionelle Bewirtschaftung von Landflächen auf das Klima, die Artenvielfalt und das Tierwohl haben soll. Nicht selten wird ihnen das Bild von (Bio-)Bäuerinnen und -Bauern entgegengesetzt, die mit wenigen Nutztieren im Einklang mit der Natur wirtschaften und auf Pestizide und Gentechnik verzichten.

Aber nicht alles sei so einfach »schwarz« und »weiß«, behauptet der Journalist Timo Küntzle in seinem Buch »Landverstand«. Diese Vorstellung komme daher, dass die moderne Gesellschaft kaum mehr Bezug zur Herstellung ihrer Lebensmittel habe. Der Autor entstammt einer Getreide- und Milchbauernfamilie und hat einen Abschluss in Agrarwissenschaften, interessiert sich aber auch für die Ziele der Umweltbewegung. Gute Voraussetzungen also, um das Thema vielschichtig zu durchleuchten. Aber gelingt das?

Komplexe Sachverhalte erfordern komplexe Sichtweisen

Überwiegend schon. Bereits im ersten Kapitel über das »Urprinzip der Landwirtschaft« etabliert Küntzle einen Grundtenor, der sich durch das ganze Buch zieht. Dieser lautet: Fragen der Ernährung und des Umweltschutzes sind eng, komplex und vielfältig miteinander verzahnt. Wer Land bewirtschaftet, drängt beispielsweise die Artenvielfalt zurück. Mit romantischen Vorstellungen nach dem Motto »Landwirtschaft muss im Einklang mit der Natur betrieben werden« sei es daher nicht getan – vor allem nicht in Hinblick auf aktuelle Herausforderungen wie die wachsende Weltbevölkerung.

Es gelingt dem Autor, die Komplexität seiner Fragestellung mit Hilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erklären und zu analysieren. Viele kontrovers diskutierte Themen wie die Züchtung von Nutzpflanzen durch Gentechnik erscheinen dadurch in einem neuen Licht.

Fraglich ist nur, weshalb Küntzle dabei teilweise auf Formulierungen wie »Der Mensch ist ein Artenkiller« zurückgreifen muss. Diese wirken aufmerksamkeitsheischend und passen nicht recht zum sonst freundlichen und überlegten Ton des Buchs. Dieser würde übrigens auch so manchen Debatten um das Thema Landwirtschaft und Umweltschutz guttun. Bleibt zu hoffen, dass »Landverstand« gerade diese Diskutierenden erreicht.

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