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Windstille für die Seele

Ein wenig bereicherndes Porträt der Langeweile.

Langeweile gibt es anscheinend noch nicht so lange. Einer der Ersten, die überliefert davon sprachen, war der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal im 17. Jahrhundert. Er hielt sie für einen unerfreulichen Stillstand. In früheren Zeiten scheint Langeweile kein großes Thema gewesen zu sein, jedenfalls wurde sie nicht dokumentiert – möglicherweise, weil die Leute genug anderes zu tun hatten.

Die Autorin Barbara Streidl versucht, die Geschichte der Langeweile mit einer Begriffsbestimmung zu verbinden. Das Vorhaben gerät übertrieben didaktisch, denn die Autorin schreibt alle paar Seiten eine von ihr so benannte Langweile-Familie stichpunktartig fort, beginnend mit »etwas Unangenehmes«, »verwandt mit Nichtstun«, »verwandt mit Warten«, »kann vorhersehbar sein«, »von John Lennon besungen in ›Watching the Wheels‹«. So fragt die Autorin leitmotivisch, ob Menschen immer in Bewegung sein müssen: natürlich nicht. Und gibt am Ende (wenig überraschend) ein Bekenntnis zum Nichtstun ab.

Windstille für die Seele?

Denn angesichts einer sich beschleunigenden Arbeitswelt, so Barbara Streidl, gehe uns heute die Langeweile sogar aus. Wer hat noch Langeweile? Vornehmlich, meint sie, Kinder und Jugendliche, die damit ihre Eltern nerven. Bei Erwachsenen berge Langeweile auch Gefahren, sie könne zu Verstimmung und Selbstzweifel führen und Ausgangspunkt von schädlichen Verhaltensweisen wie dem Trinken sein. Hier und da sei sie sehr verbreitet, etwa in Gefängnissen oder Krankenhäusern. Hans Castorp habe sich in Thomas Manns Roman »Der Zauberberg« gelangweilt, schreibt Streidl. Da hat sie die 700 Seiten wohl nicht gründlich genug gelesen oder sich dabei gelangweilt.

Trotzdem erscheint Streidl die Langeweile (unter Berufung auf diverse wissenschaftliche Studien) doch auch als ein sinnvoller Zustand, als »Windstille für die Seele«, die man zur Regeneration brauche. Langeweile und Nichtstun sollten die Welt entschleunigen.

Neben Kästen, die Informationen liefern sollen, enthält das Buch auch einige Fotos und Abbildungen, etwa zwei auf den Bus wartende Frauen oder skizzierte Köpfe von Denkern wie Hannah Arendt und Friedrich Nietzsche, die in Sprechblasen stark verkürzte Statements zur Langeweile zum Besten geben. Damit es beim Lesen nicht langweilig wird, erzählt die Autorin immer wieder einmal persönliche Anekdoten, etwa von einem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt, bei dem sie die aufkeimende Langeweile sehr genossen habe. Leider verrennt sie sich dabei in unnötige Details, etwa wenn sie genau aufzählt, welche Bücher sie damals gelesen hat.

Das Werk bemüht sich erkennbar um einen launig-lustigen Ton. Da wird beispielsweise ein mittelhochdeutsches Gedicht abgedruckt und die neuhochdeutsche Übersetzung mit den Worten eingeleitet: »Ich übersetze das mal«. Die Autorin hat sich nicht die Mühe gemacht, Wiederholungen zu vermeiden, sondern entschuldigt diese mit: »Das alles wissen Sie schon.« Einschübe umrahmt sie mit den fett gedruckten Wörtern »Klammer auf« und »Klammer zu«.

Neben beliebigen Bemerkungen über Gott und die Welt sammelt das Werk vor allem Informationen über die Autorin. Sie hat zum Beispiel mal in einem Orchester gespielt und in der Schule Effi Briest gelesen. Das muss man weder wissen noch hat es etwas mit dem eigentlichen Thema zu tun. Der Gipfel sind jedoch fragwürdige Statements, die Streidl Philosophen und Dichtern in den Mund legt. Das ist nicht nur langweilig, sondern vor allem ärgerlich.

03/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03/2019

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