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Vom begnadeten Redner zum Sprachlosen

Mehr als acht Jahre lang litt der Schriftsteller Walter Jens an einer vaskulären Demenz, verursacht durch eine Gefäßerkrankung. Eine Tortur nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau Inge, die ihn bis zum Schluss zu Hause pflegte. Im vorliegenden Buch veröffentlicht sie ausgewählte Briefe aus dieser Zeit, in denen sie Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen die Erkrankung ihres Mannes und das gemeinsame Leben schildert. Daraus geht einmal mehr hervor: Eine neurodegenerative Erkrankung trifft nicht nur den Patienten allein. Auch die Familie und die Freunde müssen lernen, mit ihr zu leben.

Zu Beginn der Erkrankung fiel Inge das schwer; die Zeit war geprägt von Unsicherheit, Zweifel, Zorn und Selbstvorwürfen. Erst nach und nach gelang es ihr, sich besser auf die "anwesende Abwesenheit" ihres einst so wortgewandten Mannes einzustellen. Denn der ehemalige Professor für Klassische Philologie und Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, zu gesunden Zeiten ein begnadeter Redner und Autor, verlernte Stück für Stück, zu lesen, schreiben und zu sprechen. Dass er diesen Niedergang zu Beginn noch bewusst mitbekam, war laut seiner Ehefrau für ihn am schwersten zu ertragen. So äußerte er in den wenigen Momenten, in denen er sich verständlich artikulieren konnte, häufig den Wunsch zu sterben. Inge antwortete ihm, dass sie das verstehe, aber gern bis dahin für ihn sorgen würde. Ihrer Meinung nach hing ihr Mann trotz alledem noch so sehr am Leben, dass es glatter Mord gewesen wäre, seinem Wunsch nachzukommen.

Streiflicht auf das Gesundheitswesen

Von einer Einleitung und einem persönlichen Bericht flankiert, macht die Briefkorrespondenz den Großteil des Buchs aus. Da lässt es sich nicht vermeiden, dass sich manche Beschreibung wiederholt. Das ermüdet ein wenig, doch man gewinnt dabei einen guten Eindruck, wie es ist, einen nahe stehenden Menschen an die Demenz zu verlieren – und welche Schwierigkeiten bei der Pflege auftreten.

Die Autorin hatte Glück im Unglück: Sie konnte stets auf die Unterstützung von anderen bauen. Dennoch gab es Probleme, etwa wenn ambulante Pflegedienste oder Krankenhäuser sich um ihren Mann kümmerten. Ihrer Meinung nach sind mehr Empathie, Wissen und bessere Bezahlung nötig, um die Pflege zu verbessern. Mit ihrem Buch möchte Inge Jens auch auf Missstände im Gesundheitswesen hinweisen, die den Angehörigen das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

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