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Aus Niederlagen lernen

Was man nicht messen kann, existiert nicht, meinen viele Wissenschaftler. Sie plädieren für Beweise statt Erfahrung, für Vernunft statt Glauben und für Daten statt Geschichten. Brené Brown sieht das anders. Die Professorin am Graduate College of Social Work in Houston ist davon überzeugt, dass Glaube und Vernunft keine natürlichen Feinde sind. Die menschliche Sehnsucht nach Gewissheit und das verzweifelte Bedürfnis, recht zu haben, hätten zu dieser falschen Dichotomie geführt. Daher traut sie keinem Theologen, der die Schönheit der Wissenschaft abtut, und keinem Wissenschaftler, der nicht an die Macht des Mysteriums glaubt.

Brown erforscht seit 13 Jahren Themen wie Verletzlichkeit, Vergebung, Mut und Scham. Dabei geht sie davon aus, dass wir die nützlichsten Einsichten in menschliches Verhalten aus Erfahrungen ziehen. So spricht sie auch Künstlern nicht die Fähigkeit ab, Wahrheiten über das Denken zu erkennen. Sie selbst versteht sich nicht nur als Forscherin, sondern auch als Geschichtenerzählerin. Ihre mitreißenden und aus dem Leben gegriffenen Sachbücher sind in den USA bereits Bestseller. Weltweit bekannt wurde sie durch ihren TED-Talk "Die Kraft der Verletzlichkeit".

Aufstehen und aufarbeiten

In ihrem neuen Buch beschreibt Brown den Prozess, den man durchläuft, um nach einer Niederlage wieder aufzustehen. Sich von der Benommenheit nach einem Fall zu erholen, verlange viel, reiche aber bei weitem nicht aus. Vielmehr müssten wir unsere Emotionen wie Angst, Wut, Scham aufspüren, uns mit ihnen auseinandersetzen und so Verantwortung für unsere Erfahrung übernehmen. Nur so lernen wir laut Brown, ehrlich mit uns selbst und anderen umzugehen und zu verstehen, wer wir sind.

Dafür müssten wir zum einen unsere Gefühle ergründen, zum anderen vergeben. Denn solange wir das nicht täten, blieben wir durch die Fesseln der Wut und Verbitterung an die Menschen gekettet, die uns verletzten, glaubt Brown. Nur wenn wir verzeihen, seien wir frei, uns weiterzuentwickeln. Dabei sei es wichtig, auch sich selbst zu vergeben. Indem wir über unsere Misserfolge sprechen, könnten wir unsere Scham darüber abschütteln.

Der Autorin geht es nicht darum, Patentrezepte zu liefern. Ihr Buch versteht sich vielmehr als Orientierungshilfe für all jene, die den Mut haben, ein "Leben aus vollem Herzen" zu leben. Es ist ein Buch für Menschen, die sich trauen, zu ihren Fehlern und Niederlagen zu stehen und das Beste aus diesen Erfahrungen zu ziehen. Wenn wir lernen, das Scheitern zu verwandeln, sei es kein Scheitern mehr, sondern ein Sich-neu-Erfinden. Zu versagen könne uns also voranbringen, wenn wir Neugier und Interesse dafür entwickeln, unsere Verletzlichkeit und Menschlichkeit zu zeigen. Brown hält Menschen mit gebrochenem Herzen für die mutigsten, denn sie hätten es gewagt, zu lieben. Verletzlichkeit zu riskieren (also die Bereitschaft, sich zu offenbaren, ohne das Ergebnis zu kennen) sei der einzige Weg zu mehr Liebe, Freude, Mut, Empathie und Kreativität – auch wenn man dadurch das Risiko eingehe zu stolpern, zu stürzen und anzuecken.

Brené Brown zeigt sich selbst in ihrem Buch verwundbar und mutig. So stammt ein Großteil der Fallgeschichten aus ihrem eigenen Leben. Das erzeugt beim Leser ein Gefühl der Verbundenheit. Der Band ist erhellend und fesselnd zugleich. Der Autorin gelingt es, Mut zur Verletzlichkeit zu machen und dafür, die Verantwortung für das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.

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