»Leben, Körper, Tod«: Von Abtreibung bis Zwangsimpfung
Die Arbeit im Deutschen Ethikrat ist herausfordernd. Das Gremium, das als unabhängiger Sachverständigenrat einerseits wissenschaftliche Spezialdiskurse zusammenführen und andererseits Bundesregierung und Bundestag beraten soll, verhandelt keine leichten Themen, so etwa die Rechtmäßigkeit des Inzestverbots. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf kniffligen Fragen der Medizinethik.
Bettina Schöne-Seifert war jeweils Gründungsmitglied des Nationalen Ethikrats (2001) und des Deutschen Ethikrats (2008), dem sie bis 2010 angehörte. Von 2003 bis 2023 hatte sie den Lehrstuhl für Medizinethik an der Universität Münster inne. Mit »Leben, Körper, Tod« legt sie ein Buch vor, das Licht ins Dunkel medizinethischer Debatten bringen soll. Es gehört zu den acht für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 nominierten Titeln.
Das Werk widmet sich nach einem Vorwort in zwölf Kapiteln den wichtigsten Debatten der Medizinethik, darunter Fragen nach Suizidhilfe, Demenzverfügungen oder künstlicher Intelligenz im medizinischen Sektor. Es folgen drei eher theorielastige Kapitel, die grundsätzliche Fragen der Medizinethik aufgreifen. Hier ist Selbstbestimmung das bestimmende Thema, Debatten um Genetik, Neurotechnologie, Verteilungsgerechtigkeit oder die Ethik medizinischer Forschung bleiben dagegen ausgeklammert.
Lebendige Beispiele zu schwierigen Fragen
Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt es jeweils eine fiktive Geschichte; sie soll ein typisches Problem der Medizinethik greifbar machen, die bisweilen einen ziemlich hohen Abstraktionsgrad erreicht. Für uns Bürger werden medizinethische Fragen üblicherweise erst dann relevant, wenn man selbst oder nahestehende Personen betroffen sind. Durch die Beispiele, die mitunter sehr emotional geschildert werden, kann sich der Leser also besser einfühlen und findet einen leichteren Zugang zu den medizinethischen Fragen. Dieser Ansatz birgt zwar die Gefahr, dass man weniger objektiv urteilt, aber die Autorin fängt sie in ihrer Argumentation klug auf.
Bettina Schöne-Seifert bezieht klar Stellung zu den besprochenen Fragen – was aber erst nach Beleuchtung verschiedener Positionen geschieht und klar als Meinungsäußerung gekennzeichnet ist. Diese auf den ersten Blick provokativen Positionen sind für Leser, die mit den Debatten bereits vertraut sind, oft wenig überraschend, so etwa die ablehnende Haltung Schöne-Seiferts gegenüber einem unbedachten und zu hoffnungsvollen Einsatz von Homöopathie.
Ritalin vor Prüfungen?
Ihr moralisches Abwägen wird immer dann besonders interessant, wenn es um Fragen mit einem weiteren philosophischen Horizont geht. In einer ihrer einleitenden Geschichten stellt sie etwa einen Studenten vor, der mit dem Ziel, eine gute Zensur in einer Abschlussarbeit zu erhalten, Ritalin einnimmt. Dieses Medikament, das vor allem Menschen mit ADHS helfen soll, konzentriert zu arbeiten, kann auch bei Menschen ohne diese Erkrankung ein längeres und besseres Lernen ermöglichen. Hier stellen sich gleich mehrere Fragen. Da ist zunächst die nach der ethischen Legitimität eines Optimierungsansatzes als Zugang zum Menschsein. Sie führt weiter zu der Frage danach, was das Menschsein grundsätzlich ausmacht und ob dieses über einen »natürlichen« Zustand – beispielsweise ohne chemische Verbesserung – definiert werden sollte.
Die Autorin grenzt die Beantwortung solcher Fragen bewusst auf den Umgang mit praktischen Sachverhalten ein. Dies ist nachvollziehbar, für einen Leser mit Vorwissen aber bisweilen etwas unbefriedigend. Im genannten Beispiel etwa blendet die Beschränkung auf das sogenannte Neuro-Enhancement, also die Verbesserung kognitiver Fähigkeiten durch die Einnahme bestimmter Substanzen, alle Fragen in Richtung Transhumanismus aus.
Insgesamt enthält das Werk eine Fülle interessanter Gedanken, die zwar nicht immer objektiv wirken, dafür aber sehr lebensnah daherkommen. Schöne-Seifert arbeitet zudem hervorragend unterschwellige Überzeugungen heraus, die moralische Bewertungen beeinflussen können – so wie das bei der Reflexion über das Enhancement bestimmte moralische Bewertungen von Natürlichkeit bewirken können.
»Leben, Körper, Tod« ist ein gutes Übersichtswerk, das insbesondere eine Momentaufnahme aktueller Debatten rund um den Menschen als körperliches Wesen liefert. Es kann somit allen empfohlen werden, die sich mit diesem komplexen Thema auf einer pragmatischen Ebene befassen wollen.
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