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Giftmischer in freier Wildbahn

Ob Kröten, Bienen, Eukalyptusblätter oder Seeanemonen: Sie alle produzieren giftige Stoffe, was sie vor Fressfeinden schützt. Manche Tiere haben jedoch die Fähigkeit erlangt, sich damit zu arrangieren oder es sogar zu ihrem Vorteil zu nutzen. Einige sind immun gegen die jeweiligen Toxine beziehungsweise haben sehr leistungsfähige Entgiftungsmechanismen entwickelt – oder aber sie existieren in Symbiose mit Gift produzierenden Wesen, indem sie sich chemisch tarnen und gefahrlos unter ihnen leben.

Der Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos) ist so einer. Er täuscht wehrhafte Bienen, indem er sich mit ihrem chemischen Erkennungssignal maskiert. So präpariert sehen ihn die Wächterbienen am Eingang des Stocks als einen der ihren an und lassen ihn ungehindert passieren. An den Waben angelangt, sättigt er sich am Honig und verschwindet schließlich unbemerkt wieder nach draußen.

Leben unter Feinden

Der rote Wendehalsfrosch (Phrynomantis microps) in Westafrika treibt das Spiel noch weiter. Er wohnt in den Bauten aggressiver Ameisen, die ihn ohne Weiteres fressen könnten. Sein Schutz: ein Hautfilm mit Aminosäuren, der als chemische Tarnung dient. Dahinter versteckt, kann er vom vorteilhaften Klima im Ameisenbau profitieren und ist dort außerdem dem Zugriff anderer Fressfeinde entzogen. Am "dreistesten" handelt wohl die Raupe des schwarzgefleckten Bläulings (Maculinea arion). Normalerweise gehören Raupen zum Beutespektrum von Ameisen, doch M. arion lockt die Sechsbeiner mit Duftstoffen sogar an. Sie offeriert ihnen ein Sekret, das sie aus Drüsen ausscheidet und das dem von Ameisen begehrten Honigtau ähnelt. Die Sechsbeiner tragen die Raupe dann in ihr Nest. Dort entpuppt sie sich als rabiater Räuber, der sich von der Ameisenbrut ernährt.

Der Biologe und Biochemiker Diedrich Mebs beschreibt solche Fälle im vorliegenden Buch. Er hat ein enormes Spektrum einschlägiger Phänomene zusammengetragen. Zu dem Besten, was die Natur diesbezüglich entwickelt hat, gehört für ihn der Bombardierkäfer (Brachinus explodens). Das etwa ein Zentimeter große Insekt stellt eine Art binären Kampfstoff her, der ihn sozusagen zur wandernden Bombe macht. In einer Körperhöhle produziert er Phenol und Wasserstoffperoxid in hohen Konzentrationen. Eigentlich müsste dies den Käfer zerreißen, aber er presst einen Hemmstoff dazu. Erst wenn er angegriffen wird, drückt er die Mixtur in eine zweite Kammer, bringt sie hier fast zum Sieden und erzeugt so einen explosiven, heißen und übelriechenden Treibstoff, den er dem Angreifer entgegenschleudert.

In Alkohol baden

Wer sich mit Gift arrangieren kann, der hat einen Wettbewerbsvorteil in der Natur; das macht der Band klar. Taufliegen etwa wagen sich an stark vergärtes Obst, da sie Alkoholgehalte vertragen, die für andere Lebewesen bereits stark giftig sind. Papageienvögel wiederum suchen in ihrer Umgebung nach ganz bestimmtem Lehm und fressen ihn, um giftige Bitterstoffe ihrer Nahrung im Magen zu binden.

Mebs hat nicht nur über tierische und pflanzliche Gifte geforscht, er war auch als Rechtsmediziner in der Toxikologie und Spurensuche tätig. Das merkt man dem Werk an. Es ist spannend und unterhaltsam wie ein Thriller geschrieben. Einen Vorgeschmack darauf gibt bereits das Inhaltsverzeichnis: "Die Drohnenschlacht", "Eine klitzekleine Prise Zyankali", "Celia, die Schlangenfresserin" und so weiter. Was der Band über die Chemie natürlicher Gifte vermittelt, ist dennoch wissenschaftlich fundiert und eine Fundgrube für Chemiker und Biologen. Die vorgestellten Lebewesen sind im Mittelteil auf Farbfotos zu sehen. Mehr als 200 Literaturangaben liefern hinreichend Anhaltspunkte für weitere Recherchen. Laienverständlich geschrieben, bietet das Buch äußerst abwechslungsreichen Lesegenuss.

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