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»Leonhard Euler (1707–1783)«: »Lest Euler – er ist unser aller Meister«

Leonhard Euler war einer der größten Mathematiker, auch der Umfang seines Werks ist atemberaubend. Auf knapp 1000 Seiten würdigt Rüdiger Thiele Eulers Genie.

In der Reihe »Vom Zählstein zum Computer« ist nun die seit einiger Zeit angekündigte Euler-Biografie von Rüdiger Thiele erschienen. Bedenkt man, dass Leonhard Euler (1707–1783) mit (laut Eneström’schem Werkverzeichnis) 866 Veröffentlichungen der wohl produktivste Mathematiker der Wissenschaftsgeschichte war, dann erscheint ein Buch mit dem ungewöhnlichen Umfang von knapp 1000 Seiten durchaus angemessen.

Thiele, der nach seiner Promotion an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter anderem am Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften der Universität Leipzig arbeitete, hatte bereits 1982 eine (mit knapp 200 Seiten vergleichsweise kurze) Biografie über den großen Mathematiker veröffentlicht, an deren Gliederung er sich auch für das neue Mammutwerk orientiert hat. Der Autor, über viele Jahre Vizepräsident von »The Euler Society«, hat für dieses Buchprojekt umfangreiche Recherchen in nationalen und internationalen Archiven durchgeführt und dabei eine enorme Fülle an Informationen zusammengetragen.

Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Rüdiger Thiele macht die historischen und kulturhistorischen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts anschaulich und stellt auch die Lebensbedingungen, persönlichen Schicksale sowie die teilweise dramatischen Auseinandersetzungen der handelnden Personen so lebendig dar, dass diese in der Tat, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt, »vor den Augen der Leser auferstehen«. Dazu tragen auch die vielen Detailinformationen bei, etwa zur Sitzordnung bei der Gründung der Akademie der Wissenschaften oder den Öffnungszeiten ihrer Bibliothek.

Der Autor belegt seine Ausführungen durch eine Fülle von Zitaten, die im Original – also überwiegend auf Lateinisch oder Französisch, den damaligen Wissenschaftssprachen in Berlin und St. Petersburg – und in einer deutschen Übersetzung abgedruckt sind; allein dies erklärt einen Großteil der insgesamt 1385 Fußnoten des Werks. Eine solche Fülle ist ungewöhnlich für ein Buch, das sich an eine breite Leserschaft richtet. Man muss sich immer wieder entscheiden, ob man die aktuelle Lektüre im Text unterbricht und zunächst zur Fußnote springt oder sich die jeweilige Fußnote erst nachträglich anschaut.

Gut gemeint, aber auf Dauer etwas störend ist, dass hinter den Namen der in den Textpassagen auftretenden Personen ihre Lebensdaten stehen, auch wenn von den Wissenschaftlern (etwa Lagrange, Bernoulli oder Leibniz) bereits auf der vorangehenden Seite die Rede war oder diese im jeweiligen Kapitel mehrfach auftreten. Dass es bei dieser Textfülle zu Wiederholungen kommt, ist nachvollziehbar; wortgleiche Passagen wären aber vermeidbar gewesen – etwa, wenn auf S. 100 und S. 237 Eulers Werke zur Kartografie jeweils mit demselben Text dargestellt werden oder es auf S. 492 und S. 861 um einen Schneidergesellen geht, an dem Euler angeblich die Verständlichkeit seiner Vollständigen Anleitung zur Algebra getestet hat.

Basel, Berlin, St. Petersburg – die Stationen eines Mathematikerlebens

Nach dem Prolog (»Euler und seine Zeit – die Aufklärung«) folgen in Kapitel 2 eine Beschreibung der Baseler Jahre, in Kapitel 3 die Darstellung des ersten Aufenthalts in St. Petersburg und in Kapitel 4 Eulers Berliner Zeit. Die nächsten drei Kapitel widmen sich der fachlichen Auseinandersetzung mit mathematischen Inhalten (»Algebra, Geometrie und Zahlentheorie«, »Die Reichweite der Analysis« und »Mechanik«). Nach einem Abschnitt über Eulers zweiten Aufenthalt in St. Petersburg schließt das Buch mit Kapitel 9 »Ausklang: Der Mann und sein Werk« sowie einem Epilog.

Die im Buch enthaltenen Abbildungen zeigen Porträts der auftretenden Personen sowie Kopien der Titelseiten von Eulers Veröffentlichungen, aber auch Grafiken zu mathematischen Inhalten sowie Farbfotos des Autors von Gebäuden in St. Petersburg und Berlin (jeweils mit ausführlichen Quellennachweisen am Ende des Buchs). Nach den einzelnen Kapiteln und ebenfalls am Ende des Buchs findet man ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein Namens-, allerdings kein Sachregister.

Dass in einem so umfangreichen Werk Druckfehler auftreten, lässt sich wohl kaum vermeiden; ärgerlich nur, dass der Fehler »100.009 = 10.00²3² =235² + 975²« im Beispiel »Darstellung der Zahl 1000009 als Summe zweier Quadratzahlen« (S. 539) auch bereits in dem Bändchen von 1982 enthalten war.

Von einer Rezension wird erwartet, dass sie eine Empfehlung dazu abgibt, für wen das betreffende Buch besonders geeignet erscheint. Die vorliegende Euler-Enzyklopädie darf in keiner Fachbibliothek fehlen, dies steht außer Frage. Welche Leserschaft das Buch darüber hinaus haben wird, ist schwer zu sagen. Zu befürchten ist, dass allein sein Umfang den »normalen, an Mathematik interessierten Leser« abschrecken könnte. Wer zudem darauf hofft, etwa in den mittleren Kapiteln eine Einführung in einzelne mathematische Theorien zu erhalten, dürfte zumindest zeitweise von der Dichte der Erläuterungen überfordert sein.

Dennoch bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Neugierige dieses Buch zur Hand nehmen; auch um der nach wie vor gültigen Empfehlung zu folgen, die Pierre Simon Laplace (1749–1827) einst seinen Studenten gegeben hatte: »Lest Euler, lest Euler – er ist unser aller Meister«.

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