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Die Abgründe der Liebe

Anders als der Buchtitel vermuten lässt, geht es in diesem Werk nur sehr selten um Vergebung und die Frage, wann sie sich lohnt. Massimo Recalcati, ein italienischer Psychoanalytiker, macht sich die meiste Zeit Gedanken darüber, wie Liebe entsteht, wie sie erhalten oder durch Untreue gefährdet werden kann. Er erzählt beispielsweise von Herrn O., der mit seinem Leben und seiner Partnerin glücklich war, bis sie aus heiterem Himmel fremdging. Auch Herrn O.s beste Freundin I. wurde betrogen. Einer der beiden verzeiht dem Partner, der andere nicht. Laut Recalcati verschmelzen in der Geschichte von O. und I. autobiografische Erlebnisse mit Patientenberichten.

Die Überlegungen des Autors sind meist ausführlicher als nötig, teils fragwürdig oder veraltet, insbesondere in Bezug auf Geschlechterunterschiede. So behauptet er, Männer seien eher auf Sex aus, Frauen eher auf Liebe. Er bezieht sich häufig auf den franzö­sischen Psychoanalytiker Jacques Lacan, gelegentlich auch auf die Bibel oder auf Freud, dessen Ansichten er allerdings selten teilt.

Meister der Pleonasmen

Zum vorgeblich eigentlichen Thema des Buchs, Vergebung, sagt Recalcati nicht viel mehr, als dass es allein am Betrogenen selbst liege, ob es ihm möglich sei, zu verzeihen. Dies könne sehr befreiend sein, sei manchmal aber auch nicht machbar, gerade weil man den anderen so sehr liebe. Die entscheidende Frage, wie man vergeben kann, geht in den abstrakten und mit Fremdwörtern gespickten Ausführungen unter. Zudem neigt der Autor dazu, denselben Sachverhalt mehrmals mit unterschiedlichen Worten auszudrücken. Ein Beispiel: "(...), das noch am Leben, noch da ist, das keineswegs aufgehört hat, zu existieren." Und eine halbe Seite später: "Der Andere ist noch da, er ist noch anwesend, er lebt noch."

Einen roten Faden sucht man in dem Buch vergeblich. Es wirkt, als hätte Recalcati seinen Gedanken freien Lauf gelassen, ohne sich damit auseinanderzusetzen, was für seine Leser nützlich sein könnte. So erzählt er von einem Gefängnisinsassen, mit dem er über die Liebe diskutierte. Später erfuhr er, dass dieser aus Eifersucht seine Frau getötet hatte. Das hat den Autor offenbar so schockiert, dass er sich seitenlang darin ergeht, warum solch eine Tat verwerflich und sinnlos sei und was die Beweggründe dahinter gewesen sein könnten.

Würde man alle inhaltlichen und sprachlichen Redundanzen und alle Abschweifungen streichen, ließe sich das Buch auf 50 Seiten oder weniger reduzieren. Der Psychoanalytiker verliert sich in einer Welt aus hochtrabenden Formulierungen und sonderbaren Ansichten, die für andere nur schwer zugänglich ist.

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