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Wut zur Lücke

Die etablierten politischen Medien stecken in einer Vertrauenskrise, konstatiert Politikwissenschaftler, Hochschullehrer und Publizist Ulrich Teusch. Er stellt zunächst fest, das Verhältnis zwischen den "Leitmedien" und dem Publikum ändere sich: Öffentliche und veröffentlichte Meinung drifteten auseinander, der Ton gegenüber Medienschaffenden werde schärfer. Das sei nicht nur in Deutschland so, sondern auch in anderen Ländern.

Gründe dafür sucht der Autor bei den Medien selbst; inwieweit das Publikum dazu beiträgt, ist nicht Gegenstand seines Buchs. Damit bewegt er sich im Fahrwasser etwa des Medienwissenschaftlers Uwe Krüger, der kürzlich den einschlägigen Band "Mainstream" vorlegte. Krüger machte verschiedene Faktoren aus, die zu einem Vertrauensverlust des "Medienmainstreams" führen: Nähe zu Politik- und Wirtschaftseliten, Qualitätseinbußen wegen steigender Arbeitslast, Milieu- und Sozialisationseffekte etwa. Teusch stimmt dem weitgehend zu, wirft aber einen eher journalistischen Blick auf das Phänomen. Seine These: Es gebe Defizite, die in der etablierten Presse strukturell verankert seien, etwa einseitiges Informieren auf bestimmten Themenfeldern oder das Bewerten mit zweierlei Maß.

Blick nach Osten

Teusch nennt zahlreiche Beispiele hierfür. Besonders treibt ihn die Berichterstattung über Russland um: Die sei im deutschen Medienmainstream oft negativ befangen und von Doppelmoral geprägt. Das ist keine Einzelmeinung; bereits 2014 hatten mehr als 60 Intellektuelle, darunter ehemalige Bundespräsidenten, -kanzler und -minister, öffentlich ein häufig voreingenommenes Russlandbild in Leitartikeln und Kommentaren beanstandet.

Das Thema Russland nimmt in dem Buch allerdings einen so großen Raum ein, dass man sich irgendwann wünscht, der Autor möge auch andere Aspekte ansprechen. Er tut es und analysiert die mediale Aufbereitung von Ereignissen, die vielen (noch) gegenwärtig sein dürften: Todesschüsse auf Schwarze in den USA, Seehofers Besuch bei Viktor Orbán, die mediale Demontage Christian Wulffs. Ebenso hinterfragt er die Besitzverhältnisse in der Medienlandschaft und stellt die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Debatte. Zudem unternimmt er interessante Streifzüge durch den amerikanischen Journalismus. Dabei benennt er englischsprachige Alternativangebote jenseits des Mainstreams, die deutlich zahlreicher sind als deutsche – und macht zugleich klar, das diese den Mainstream bereichern und korrigieren, jedoch nicht ersetzen können.

Mission Demolished

Teusch fordert von Medienschaffenden differenzierte Berichterstattung und wissenschaftliche Offenheit: "Wo immer dominante Narrative auftauchen, haben Journalisten die Pflicht, sie auf den Prüfstand zu stellen." Er betont die gesellschaftliche Verantwortung der Leitmedien und verweist dabei auf den desaströsen Irakkrieg 2003, der die ganze Region in blutiges Chaos stürzte und medial vielfach sehr unkritisch begleitet wurde. Mache der Mainstream so weiter, werde er kontinuierlich an Bedeutung verlieren.

Das Publikum ermutigt der Autor dazu, mediale Angebote kritisch zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen. Er warnt allerdings davor, nur noch solche Quellen zu konsultieren, die das eigene Weltbild bestätigen. Das sei dann keine Wahrheitssuche mehr, sondern das Vermeiden kognitiver Dissonanzen. Vertrauen unbesehen entgegenzubringen, egal wem, sei Ausweis kindischer Naivität. "Mündig sind Bürger nicht, wenn sie irgendeiner Politik zustimmen. Mündig sind sie, wenn sie sich von keiner täuschen lassen."

45/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45/2016

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