»Luft«: Das wichtigste Gasgemisch und ein Kulturgut
Mal ist die Luft dick, mal ist sie raus. Manch einer lebt nur von Luft und Liebe. Liegt etwas in der Luft, bedeutet das mitunter nichts Gutes. Die Luft zum Atmen ist für uns lebenswichtig, das spiegelt sich auch in der Sprache wider. Luft geht uns alle an. Da ist es nur konsequent, dass sich Peter Adey für die Reihe »Naturphänomene« des unverzichtbaren und faszinierenden Gasgemischs angenommen hat.
Adey ist Professor für Humangeografie an der Monash University in Melbourne. Auf über 200 Seiten dekliniert er das Phänomen »Luft« in Wissenschaft, Historie und Kultur durch und wählt dafür einen ungewöhnlichen Zugang. Beim ersten, lockeren Durchblättern überrascht uns das Buch zudem mit seiner beeindruckenden Bildfülle aus historischen Fotografien sowie Abbildungen von Gemälden, Skulpturen, Kupferstichen, Plakaten und Zeichnungen.
Den Anfang macht eine knapp 40-seitige Einführung mit Basiswissen und Antworten auf die wichtigsten Fragen: Aus welchen Elementen besteht Luft? Wann hat sie sich erdgeschichtlich überhaupt zu dem Gasgemisch entwickelt, das wir heute einatmen? Und – forsch formuliert – woher wissen wir eigentlich, dass es sie gibt? Die folgenden sechs Kapitel tragen dann aber assoziative und bisweilen kryptisch klingende Überschriften und lassen schon erahnen, wie der Autor seine Materie angeht: »Auf dem Luftweg«, »Ein Überschuss an Luft«, »Wiederherstellung«, »Isolierung«, »Spiegelungen« und »Staub zu Staub«.
Statt einer nachvollziehbaren Dramaturgie zu folgen, verknüpft Adey die Fülle an Daten und Fakten luftig und leicht mit Anekdoten, Assoziationen oder Symbolik. Für Fans angloamerikanischer Populärwissenschaft ist das genau das Richtige. Sie lassen sich bestimmt gerne von Adeys elegantem, mäanderndem Stil verführen und durch die Seiten treiben. Doch auch alle anderen sollten dem Buch eine Chance geben. Denn Adey versteht es zu unterhalten, zu informieren und seine Leser mit so mancher Erkenntnis zu verblüffen.
Luft kann heilen und zerstören
Unbestreitbar hat er sich umfassend und tiefgründig mit dem Phänomen »Luft« beschäftigt. Leichtfüßig verbindet er historische Tatsachen oder wissenschaftliche Erkenntnisse mit sozialen, kulturellen oder metaphorischen Aspekten der Luft. Wenn er beispielsweise über die zunehmend schlechte Luft im London des 19. Jahrhunderts berichtet, thematisiert er dabei auch die Folgen fortschreitender Industrialisierung sowie die damaligen katastrophalen Arbeits- und Wohnbedingungen. Passend dazu zitiert er aus den gesellschaftskritischen Schriften von Marx und Engels.
Im Kapitel »Wiederherstellung« erzählt Adey anhand von Johanna Spyris »Heidi«-Romanen von der heilsamen Wirkung der Luft. Das Mädchen wird in der Stadt krank, nur die Alpenluft kann sie heilen – ganz der damaligen Anschauung entsprechend. Und schon sind wir mitten in der Medizingeschichte und damit beim Bau von Krankenhäusern, die auf das Konzept »Licht und Luft« setzten. Als Beispiel dient hier der Schweizer Luftkurort Davos, Thomas Manns epochaler Roman »Zauberberg« darf natürlich auch nicht fehlen. Atemlos und schockiert verfolgen wir später, wie Adey Luft mit Folter, Terror und Krieg verknüpft. So erinnert er an den Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center, bei dem sich »Menschen und Gebäude in winzige Staubpartikel in der Luft verwandelten«.
Neben zahlreichen Ereignissen aus Historie und Wissenschaft, die der Luft – und damit auch dem Menschen – zusetzten, erfahren wir auch eine Menge darüber, wie die Luft zu allen Zeiten Künstler inspirierte. Wir lächeln über die Kupferstiche und Gemälde, die sich im 19. Jahrhundert mit der mondänen Badekultur in südenglischen Küstenorten befassten. Und wir staunen über Yves Kleins Zeichnungen, die von seiner Faszination für die neue »Luftarchitektur« und klimatisierte Städte im 20. Jahrhundert erzählen.
»Luft« von Peter Adey ist trotz der für manche vielleicht zu sprunghaften und assoziativ gestalteten Passagen ein lesenswertes und informatives Buch. Dazu tragen auch ein Register, eine Zeittafel, beeindruckend viele Fußnoten, ein Literaturverzeichnis sowie themenbezogene Adressen von Organisationen und Webseiten bei.
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