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Buchkritik zu »Lust und Liebe - alles nur Chemie?«

Wenn ein Chemikerehepaar versucht, die Liebe auf das Zusammenspiel von Molekülen zu reduzieren, ist das schon ein bisschen platt. Das haben sich Gabriele und Rolf Froböse wohl auch gedacht und schicken deshalb in ihrem Buch das junge Studentenpaar Bianca und Michael vor. Er Ingenieur, sie Medizinstudentin. Am Beispiel dieser beiden Turteltauben soll der Leser lernen, welche chemischen Substanzen für Lust und Liebe verantwortlich sind.

Los geht es ganz klassisch mit Hormonen. Abgesehen von den skurrilen historischen Verhütungsmethoden, die an dieser Stelle vorgestellt werden, erfährt man allerdings nichts Interessantes, es sei denn, man hat immer noch nicht richtig verstanden, was sich in der Pubertät im und am menschlichen Körper so alles ausbildet. Auch dass Männer Wechseljahre haben und eine Hormontherapie machen können oder dass beim Marathonlauf Endorphine ausgeschüttet werden, sind keine sensationellen Neuigkeiten.

Von den körpereigenen Drogen kommen die Autoren zu synthetischen Rauschmitteln, doch auch dazu gibt es anscheinend nichts Neues zu sagen. Wer es noch nicht wusste, erfährt, dass Methadon als Ersatzdroge für Heroin eingesetzt wird und dass Letzteres süchtiger macht als Morphin. Aber warum? Wieso macht denn eine Droge abhängiger als die andere? Warum kommt der Organismus mit körpereigenen Drogen zurecht, während die Aufnahme synthetischer Rauschgifte katastrophale Folgen hat?

Als schließlich das viel beschriebene Erscheinen eines hellen Lichts am Ende eines Tunnels bei Nahtoderfahrungen erwähnt wird, hofft der Leser gespannt, aber vergeblich auf eine chemische Erklärung. Welche Substanzen bewirken das finale Schauspiel im Gehirn? Wozu könnte es dienen? Die Neugier bleibt unbefriedigt.

Da die Autoren alle Substanzen in einen Topf werfen, die irgendetwas mit Liebe und Leidenschaft zu tun haben, kommt ein seltsamer Cocktail aus Hormonen, Drogen, Parfüm und Schminke zu Stande. Ausgerechnet das Kapitel über den biederen Lippenstift entpuppt sich als das beste des Buchs. Denn dass dieses Kosmetikprodukt 1860 von dem Deutschen Karl Meyer fürs Theater erfunden wurde, wissen sicherlich die wenigsten. Die praktischen Metallhüllen und die Drehmechanik gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert; vorher wurde Lippenstift in Seidenpapier eingewickelt. Drei Kilogramm schmiert sich die Durchschnittsfrau im Leben auf den Mund; außerdem gehört der Lippenstift zu den meistgeklauten Konsumgütern.

Und was assoziieren Sie mit Aphrodisiaka? Austern und Kaviar? Richtig – und viel mehr ist auch den Froböses nicht eingefallen. Am Ende verschaffen selbst Pheromone und Viagra dem Leser keinen intellektuellen Höhenflug mehr.

Hier stimmt die Chemie nicht.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 5/2005

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