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Buchkritik zu »Lust und Liebe - alles nur Chemie?«

Ein in der Wissenschaft, ihrer Didaktik und Journalistik umgetanes Paar fragt sich und uns, ob das, was sie zusammengetan hat, wirklich nur molekulare Signalverbindungen zwischen Relaisstationen sind, die sich durch Blockaden oder Strippenziehen regeln lassen, oder ob nicht doch etwas mehr als molekulare Biologie hinter dem Geschehen steckt, das romantischere Gemüter als Emotionen empfinden und farbig – sei es blau oder rosa oder regenbogenbunt – deuten. Vielleicht ist es gut, wenn ein alter Mann, der unter der Sache steht, dieses Buch liest, das sich vor allem an junge Neugierige wendet wie das verliebte Yuppiepaar Bianca und Michael: Es hat schon so viel an sich, individueller Mittelpunkt der Welt, als Medium und von der Liebe aller Arten allgemein aus den Medien erfahren, aber so wenig über die biowissenschaftlichen Grundlagen und Zeichen setzenden chemischen Auslöser gehört, dass ihnen alles, das hier in gut recherchierter und aufbereiteter Form erzählt ist, mehr als weniger neu sein wird. Soweit es nicht die PR-Abteilungen als gegeben (aber nicht unbedingt als gesichert) in den Super- und Lifestylemarkt tragen.

Medizinstudentin Bianca kommt, natürlich, aus Kalifornien, USA, auf dem Flugplatz an, wo Michael (selbstverständlich IT-Ingenieur und Hobbykoch), sie schon mit hohem Hormonpegel im – natürlich – Bistro über ein Chicken-Sandwich spähend, erwartet; das Auto (Marke nicht genannt) Appartement-bereit geparkt. Da geht die Tür auf – und die Signalkette vom Augenblick und Körperduft zu den zentralen Emotionszentren setzt ein ...: anthropologisch und biologisch wissenschaftlich belegt, aber auch ohne das zuverlässig instinktmäßig funktionierend, denn sie liegt aus der Evolution in unseren Genen, wird von Umwelt und Neugier erzogen und damit als eine Art Regelkreis festgezurrt, wie ein Knopfdruck einen komplizierten Computer in Gang setzen wird, dessen Menü wir auch nur zum geringen Teil verstehen – aber ohne hemmende Rückgedanken benutzen. Wir kämen schrecklich ins Trudeln, wenn wir nachdächten; so wie der arme Tausendfüssler beim Nachzählen, ob der Takt noch stimmt.

Im Lauf der Lektüre, die uns rasch einspannt, erfahren wir über die fundamentalen Geschehnisse in einer Zelle – besonders einer Nervenzelle im autonomen System mit ihren Kommunikationsfasern und synaptischen Transmittern im ausgleichenden und stimulierenden Nervenkostüm, von den biogenen Reiz- und Hemm-Aminen, von den Geschlechtlichkeit tarierenden Steroidhormonen zwischen Jugend und Alter, ihrer Verschreibung und Substitution auf Grund sehr simpler medizinischer Digitalvorstellungen, die meist viel zu unkontrolliert sind, weil – ja, weil das ein "weites Feld" ist! – bis zu den Peptidhormonen der übergeordneten Zentraldrüsen, die euphorisieren und Appeal und Appetit anregen. Dazu gehören auch Auslöser wie Duft- und Farbstoffe, denn die übergeordneten Sinne wollen auch bedient sein und haben ein mächtiges, dem Bewusstsein mittelbar übergeordnetes Wörtchen mitzureden. Das weiß die einschlägige Industrie sehr wohl – und uns wird es immer wieder im Ausstoß der Menschengedränge bewusst, wie verführerisch Reklame sein kann. Und anscheinend erfüllt sie größtenteils ihren Zweck, denn die Liebe-Suchenden lassen sich so gerne verführen, durch Tat und Surrogat. Dass sich die Bio-Welle der Sache auch bemächtigt hat – wen sollte es wundern? Hat sie sich doch aus der Entwicklungsgeschichte Millionen Jahre und milliardenfach bewährt. Und zärtlich nimmt Michael Biancas Hand und flüstert ihr ins Ohr – was wohl? – "Hauptsache, die Chemie stimmt!"…

Und wir freuen uns, dass das so und nett und mit liebenswürdiger Verve dargestellt ist. Ganz etwas zum Verschenken an ein verliebtes Twen-Paar. Möge es sich die Zeit nehmen, es (sich gegenseitig vor) zu lesen, wenn es nichts Besseres zu tun hat.

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  • Quellen
BioSpektrum 4/2005

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