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Diagnose des Medienbetriebs

Bei Ehepaaren genügen manchmal banale Anlässe, um schwelende Konflikte aufbrechen zu lassen: Mit diesem Vergleich beschreibt Uwe Krüger das Verhältnis zwischen der Presse und Teilen der Bevölkerung. Der Medienwissenschaftler von der Universität Leipzig postuliert, die Beziehung sei von einer Vertrauenskrise belastet. Etwa jede(r) zweite Deutsche, zitiert er aus repräsentativen Umfragen der zurückliegenden Jahre, hält die Berichterstattung in den hiesigen Medien für einseitig.

Woher kommt das, fragt der Autor. Akut habe sich die Vertrauenskrise im Frühjahr 2014 manifestiert – in Form massiver Unzufriedenheit über eine Ukraine-Berichterstattung, die als unausgewogen russlandkritisch empfunden wurde. Selbst der ARD-Programmbeirat habe im Juni 2014 intern geäußert, dass "die Berichterstattung im Ersten über die Ukraine teilweise den Eindruck der Voreingenommenheit erweckt hat". Im Dezember 2014 appellierten mehr als 60 Politiker, Künstler und Intellektuelle an die Medien, diese mögen im Hinblick auf Russland "ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachkommen als bisher".

Zunehmende Arbeitsbelastung

Krüger macht verschiedene Ursachen solcher Entwicklungen aus; viele davon haben mit der digitalen Revolution zu tun. Wachsender technischer, wirtschaftlicher und zeitlicher Druck in den Redaktionen mache Journalisten zunehmend zu Content-Managern. Studien zufolge recherchieren sie heute weniger als noch in den 1990er Jahren (117 gegenüber 140 Minuten täglich). Eine Untersuchung an 235 Journalisten ergab 2008, dass diese täglich nur 11 Minuten für Quellencheck und Faktenkontrolle aufwenden. Der Grund: Die Aufgaben haben sich stark vermehrt. Printredakteure, führt Krüger exemplarisch aus, kümmerten sich mittlerweile auch um das Layout, bespielten den Onlinekanal ihres Mediums, produzierten Fotos und Videos und seien ins Marketing eingebunden, während es "nebenbei" gelte, die Nachrichtenlage, Konkurrenzmedien, Pressemitteilungen und Social-Media-Trends im Auge zu behalten.

Hinzu geselle sich eine verbreitete Existenzangst in der Branche. In Deutschland seien etwa 5000 Journalisten und Redakteure arbeitslos; Freiberuflertum, Befristungen und prekäre Arbeitsverhältnisse weit verbreitet. Unter diesen Bedingungen unkonventionelle Haltungen zu vertreten, sei für viele im "journalistischen Fußvolk" schwierig.

Damit zusammen hängt laut Krüger das "Indexing" genannte Phänomen, wonach Medien sich darauf beschränken, in ihrer politischen Berichterstattung die Debatten in Parlament und Regierung anzuzeigen (zu indizieren) und sich an deren Meinungsspektrum zu orientieren. Indexing spare Zeit, Geld und Arbeit, sorge für Rückendeckung aus dem Establishment und vermeide Druck. Es geschehe meist unbewusst und sei umso ausgeprägter, je wichtiger und brisanter das Thema sei.

Verwurzelt in der urbanen Mittelschicht

Ein bedeutsamer Aspekt der Presse ist ihre relativ einheitliche Milieu-Verwurzelung, wie der Autor belegt. Er zitiert aus Studien, laut denen Deutschlands Journalisten deutlich stärker den Grünen und deutlich schwächer der CDU zuneigen als die Gesamtbevölkerung. Zwei Drittel stammten aus gut abgesicherten Elternhäusern, Arbeiterkinder stellten nur eine kleine Minderheit. Akademiker seien mit rund 70 Prozent klar überrepräsentiert. Eine Untersuchung ergab 1999, dass 43 Prozent der Journalisten dem "liberal-intellektuellen Milieu" angehören – in der Gesamtbevölkerung waren es 10 Prozent. Ein zitierter "Zeit"-Reporter sieht seine Branche in einer "Homogenitätsfalle der urbanen Mittelschicht".

Schließlich geht der Autor auf die Vernetzung reichweitenstarker Medien mit elitären Zirkeln ein, etwa in transatlantischen Netzwerken. Dort, schreibt Krüger, kommen "Alpha-Journalisten" (er nennt Beispiele) in engen Kontakt mit hochrangigen Politikern, Wirtschaftsleuten und Militärs und gewinnen wertvolle Informanten. Allerdings entstehe dabei ein Zielkonflikt zwischen der Nähe zu Entscheidern und deren kritisch-distanzierter Beobachtung: Beides zugleich lasse sich nicht maximieren. Krüger verweist auf eigene Untersuchungen, laut denen sich die Ansichten von Journalisten, die in transatlantischen Elitenmilieus vernetzt sind, auffallend ähneln – und oft konträr zu denen großer Bevölkerungsteile stehen. "Das Problem, das die Nutzer mit ihren Journalisten haben, ist vor allem ein Repräsentationsproblem."

Krüger attestiert den Medien eine Verengung des Themen- und Meinungskorridors infolge einer Art Selbstnormierung. Dies fasst er in dem Begriff "Mainstream" zusammen. Am Ende seines Werks zeigt er auf, wie Medien und ihre Nutzer wieder aus der Vertrauenskrise herausfinden können. Das Buch ist umfangreich mit Quellen belegt und liefert einschlägig Interessierten viele Denkanstöße.

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