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Neuronale Hardware

Durch neue Computersysteme könnten wir tatsächlich künstliches Bewusstsein erschaffen, meint der Informatiker Ralf Otte.

Noch ein Buch über künstliche Intelligenz. Doch der Titel stellt klar, dass es sich diesmal um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema handelt. Das lässt aufhorchen, denn der Autor Ralf Otte ist Professor für Industrieautomatisierung und Künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Ulm. Er forscht auf dem Gebiet des maschinellen Sehens und hat 2019 »Künstliche Intelligenz für Dummies« veröffentlicht. In einem hörenswerten Interview, geführt vom Karlsruher Institut für Technologie, betont Otte gerne, dass er nur Ingenieur sei, der auf technische Anwendungen der künstlichen Intelligenz abziele. Aber das ist reine Untertreibung, denn Otte hat bemerkenswerte Ideen zum Bewusstsein, die seinem neuen Buch zu Grunde liegen.

Erfreulich humanistische Haltung

Otte spart nicht mit Kritik an dem Wirbel, der um den aktuellen Stand der künstlichen Intelligenz (KI) gemacht wird. Zugegeben: Die Leistungen sind zum Teil höchst beeindruckend. Gerade darum besteht auch die Gefahr, dass zunehmend – möglicherweise lebenswichtige – Entscheidungen von Automaten getroffen werden. Zudem befindet sich die Technologie hauptsächlich in der Hand von Big Tech, also Konzernen wie Facebook oder Google, und diese lassen nicht gerne zu, dass man Gewinn bringende Einsatzmöglichkeiten künstlich einschränkt. Ottes Mahnungen zeugen von einer erfreulich humanistischen Haltung, besonders wenn er den Transhumanismus als verrückte und gefährliche Pseudoreligion geißelt.

Man kann diesen kenntnisreichen und sprachlich klar ausgeführten Rundumschlag mit Gewinn lesen. Doch der Autor geht noch weiter. Er macht deutlich, dass aktuelle KI keine Form von Geist besitzt, weil sie auf Software basiert. Es sind Algorithmen, die in digitalen Computern ablaufen und einfache mathematische Operationen ausführen. Geist – oder gar Bewusstsein – könne so nicht erzeugt werden.

Ottes zentraler Gedanke ist aber, dass es durchaus möglich ist, Maschinen mit echtem Bewusstsein herzustellen. Dieses basiere auf einer anderen Technologie, den neuromorphen Systemen. Derartige Computer sind Netzwerke aus Bauelementen, die Neurone elektronisch nachbilden. Sie sind also keine Software, die Gehirnzellen simulieren, sondern Hardware, in denen echte physikalische Größen verarbeitet werden. Otte prognostiziert, neuromorphe Chips würden die softwarebasierte KI übertrumpfen und im Jahr 2040 werde das Maschinenbewusstsein die Welt erobern. Warum das so ist, führt er in diesem Buch nicht weiter aus.

Verständlich wird die Argumentation, wenn man andere Werke des Autors kennt. Otte hat eine Theorie des Geistes entworfen, deren Grundlagen er 2011 in einem Buch mit dem sperrigen, aber viel sagenden Titel »Versuch einer Systemtheorie des Geistes. Mathematische und physikalische Untersuchungen mentaler Prozesse. Teil I: Ansatz zur mathematischen Analyse des Geist-Körper-Problems« vorstellte. Er vertritt darin die Position des Panpsychismus, der zwischen Dualismus und Materialismus angesiedelt ist. Demnach gibt es keine dualistische Scheidung von Geist und Materie, und der Geist entspringt auch nicht aus Materie. Geist sei stattdessen ebenso wie Materie in der Natur vorhanden, allerdings wäre er »vor-physisch«: Er könne nicht direkt mit Materie wechselwirken.

Als Ausweg sieht Otte die Quantenphysik. Denn diese macht Wahrscheinlichkeitsvorhersagen, die ebenfalls real, aber vor-physisch sind. Experimente liefern nämlich keine Wahrscheinlichkeiten, sondern ein bestimmtes Ergebnis. Erst durch wiederholtes Ausführen des gleichen Versuchs lässt sich die Wahrscheinlichkeit ermitteln. Berechnet wird sie mit Hilfe komplexer Zahlen, eines wichtigen Werkzeugs in vielen Bereichen der Physik. Otte postuliert, es sei prinzipiell möglich, das Gehirn durch komplexe Zahlen mathematisch zu beschreiben. Der Realteil entspreche der Materie, der Geist verberge sich im Imaginärteil. Geist wechselwirke dadurch auf berechenbare Weise mit Materie. Ist die Geist-Materie-Funktion einmal bekannt, lässt sie sich in neuromorphen Computern nutzen. Diese Maschinen würden dann ein Maschinenbewusstsein zeigen.

Diese Überlegungen nennt Otte im vorliegenden Buch allerdings nicht, vielleicht weil sie anspruchsvoll und ungewöhnlich sind. Doch im Kern scheinen sie sein eigentliches Anliegen zu sein.

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