»Mein Ich hat Gewicht«: Der Weg zurück zum eigenen Gewicht
»Unser Buch möchte dir zeigen, dass du einzigartig und wichtig bist, und zwar mit all deinen inneren Stimmen, Empfindungen, Eigenschaften und Stärken, die zu dir gehören«, schreiben Dorothe Verbeek und Gunter Groen zu Beginn von »Mein Ich hat Gewicht«. Das Zitat steht exemplarisch für den liebevollen Ton, in dem sich das Autorenduo an von Magersucht betroffene Mädchen und junge Frauen zwischen 13 und 18 Jahren wendet – denn sie leiden am häufigsten unter dieser lebensbedrohlichen körperlichen und psychischen Erkrankung, so die beiden Experten.
Auf 135 Seiten unterstützt das Buch Betroffene bei ihrer Genesung, aber auch für Eltern, Lehrpersonen sowie Freundinnen und Freunde gibt es am Ende des Buchs einen Abschnitt mit Tipps und Informationen, die sie in diesem oft langwierigen Prozess begleiten. Wie unterschiedlich die Wege zur Gesundheit sein können, machen Verbeek und Groen von Anfang an klar. Magersucht als Diagnose sage zwar etwas über ihre häufigen Merkmale aus, etwa den gewollten Gewichtsverlust, die Fokussierung auf das Thema Essen oder das Ausbleiben der Periode; sie gebe aber wenig Auskunft über die individuellen Hintergründe der jeweiligen Symptome. Diese zu verstehen, sei eine der wichtigsten Grundlagen für eine Besserung, betonen die Psychologin und der Psychologe. »Wir finden es wichtig, dass du zur Expertin für dich wirst«, heißt es auch an einer Stelle des Buchs.
Ein Halt, der keiner ist
Verbeek und Groen beginnen mit einer Definition der Anorexie, machen aber auch auf andere Essstörungen aufmerksam, falls sich die Leserinnen in den einschlägigen Beschreibungen nicht oder nur teilweise wiederfinden. Schließlich erzählen sie achtsam und doch klar von den schweren körperlichen und psychischen Folgen einer Magersucht. Diese könnten, so sie sich wechselseitig verstärken, in einen Teufelskreis führen – wenn sich durch den Hungerzustand die Körperwahrnehmung weiter verzerre, die gedankliche Flexibilität abnehme und die Suche nach Halt durch restriktives Essen immer bestimmender werde.
Dem vermeintlichen Halt, den eine Magersucht bietet, widmet sich der Ratgeber besonders behutsam dort, wo es um die möglichen Entstehungsbedingungen der Erkrankung geht. Diese reichen von Leistungsdruck und Mobbing über unrealistische Körperbilder in sozialen Medien und familiäre Konflikte bis hin zur Angst vor Intimität und der Suche nach der eigenen Identität, wie sie die Jugend prägen. Vor dem Hintergrund von Belastungen, die in diesen Kontexten entstehen, könne die Anorexie verschiedene Funktionen erfüllen, so das Autorenduo: Sie könne ein Gefühl von Kontrolle und Unabhängigkeit vermitteln, von überfordernden Gefühlen ablenken oder den Selbstwert stabilisieren – für eine gewisse Zeit wenigstens.
Der mühsame Weg zurück zum eigenen Gewicht
Die Texte zu diesen herausfordernden Themen werden durch hoffnungsvolle Illustrationen ergänzt, und immer wieder loben die Autoren die Betroffenen für ihren Mut, bis zur jeweiligen Stelle gekommen zu sein, und regen sie dazu an, während der Lektüre ihre Grenzen und Bedürfnisse zu spüren; sich Zeit zu nehmen, Pausen zu machen oder Kapitel auszulassen, die ihnen nicht so relevant erscheinen. Fragen laden dazu ein, die eigene Nähe zu den angesprochenen Themen zu überprüfen, und persönliche Erfahrungen zu reflektieren, und auch für Notizen ist Raum. Eine bereichernde Abwechslung bieten die Erfahrungsberichte von Mädchen wie Katy, Caro, Liane und Azra sowie von ihren Eltern, die sich durch das ganze Buch ziehen. Auf sehr persönliche Weise machen sie einem bewusst, wie herausfordernd jeder einzelne Schritt aus einer Anorexie ist, wie beglückend sich aber auch die zurückgewonnene Lebendigkeit anfühlt, wenn man sich wieder einem normalen Essverhalten und dem individuellen Gewicht annähert, mit dem sich das eigene Ich entfalten kann.
Der Ratgeber vermittelt den Betroffenen zudem, dass sie auf dem Weg zurück zu ihrem Gewicht nicht allein sind. Die letzten Kapitel geben daher nicht nur an, wo und wie man sich Hilfe suchen kann, sondern halten auch konkrete Tipps bereit – wie man etwa Situationen schaffen kann, in denen das Essen leichter fällt, oder wie sich der Umgang mit den eigenen Gefühlen verbessern lässt. Außerdem bieten sie Reflexionsübungen, um sich der eigenen Stärken bewusst zu werden oder die Dinge und Menschen besser zu erkennen, die einem Kraft geben.
»Bleib dran« lautet die abschließende Botschaft von Verbeek und Groen. Ihr Buch zeugt von großer Expertise, ist einfühlsam geschrieben, klärt auf, macht Mut und gibt Hoffnung. Ein wichtiges Buch.
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