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Sind unsere Gedanken noch frei?

Publizistin Miriam Meckel befasst sich kritisch mit künftigen »Optimierungs«-Möglichkeiten des Gehirns.

Das Gehirn spielt einem so manchen Streich. Das erfuhr die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel am eigenen Leib, als sie im Rahmen eines Selbstversuchs 24 Stunden in einem schallisolierten, dunklen Raum eingeschlossen war. Sie sah Bilder und hörte Geräusche, wo keine waren.

Woher weiß ich, was real ist und was mein Gehirn mir nur vorgaukelt? Und wie kann ich sicher sein, dass meine Gedanken überhaupt meine eigenen sind und nicht von außen gesteuert werden? In Sciencefiction-Filmen wurden solche Fragen seit jeher gern aufge­griffen. Im Klassiker »Matrix« täuschen Maschinen den Menschen beispielsweise eine virtuelle Traumwelt vor, während diese in der Realität in einer Art Brut­kasten liegen. In »Dark City« tauschen so genannte Fremde die Gedächtnisinhalte der Bewohner regelmäßig aus.

Nachrichten ins Smartphone denken

Den Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren eines manipulierten und manipulierbaren Gehirns widmet sich Miriam Meckel in ihrem Werk. Eine Schlüsselerkenntnis bei der Lektüre: Vieles, was uns heute noch wie Fiction erscheint, ist längst auf dem Weg, Science zu werden. So lernen Locked-in-Patienten, die fast vollständig gelähmt, aber bei Bewusstsein sind, inzwischen über eine Computer-Hirn-Schnittstelle, sich mitzuteilen. Querschnittgelähmte können per Gedankenkraft sogar einen Roboterarm bewegen und dadurch selbstständig trinken und essen. Solche technischen und medizinischen Fortschritte machen Hoffnung. Allerdings wird die Technik, ist sie erst einmal allgemein verfügbar, nicht auf die Wiederherstellung normaler Körperfunktionen beschränkt bleiben. Im Gegenteil: Manche Firmen sehen den nächsten großen Markt darin, das gesunde Gehirn zu manipulieren und zu optimieren.

Facebook hat vor einigen Monaten etwa ein Projekt vorgestellt, mit dem es möglich werden soll, Nachrichten direkt ins Smartphone zu denken. Mit dem Gerät, das von außen die neuronalen Signale des Gehirns abgreift, soll man 100 Wörter pro Minute diktieren können. Und Elon Musk, bekannt als Erfinder des Elektroautos Tesla, arbeitet mit seiner Firma Neuralink daran, menschliche Gehirne in einer durch künstliche Intelligenz angereicherten »Hirncloud« zu vernetzen. Damit könnte jeder in dem Netzwerk jederzeit auf alle Gedanken zugreifen. Eine erschreckende Vorstellung, findet Meckel, denn unsere Gedanken sind Teil unserer Persönlichkeit!

Was bedeuten solche Möglichkeiten für den einzelnen Menschen – und was für die Menschheit? Wird das Neuroenhancement gar eines Tages zum Zwang, da man sonst mit dem gedopten Gehirn der anderen nicht mehr mithalten kann? Wie können wir sicher sein, dass kein Unbefugter unsere Gedanken ausliest oder gar gezielt manipuliert?

Diesen und vielen weiteren Fragen geht Meckel in ihrem Werk nach. Hierfür schreckte sie auch vor Selbstversuchen nicht zurück, von denen sie immer wieder berichtet. So nahm sie etwa eine Woche lang das Medikament Ritalin ein, das sonst bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt wird – und fand sich in einer Ich-zentrierten Welt mit scharfem, aber engem Fokus ohne Kreativität wieder. Ein anderes Mal wollte die Autorin mit Hilfe zweier Elektroden, die am Kopf angesetzt werden, ihr vegetatives Nervensystem stimulieren, um sich in Zustände der Entspannung und Aktivität zu versetzen. Das bewirkte bei ihr eine so starke Übererregung, dass sie unter Übelkeit und Schlaflosigkeit litt. Diese beängstigende Erfahrung bewog sie dazu, sich kritisch mit den aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet des Hirndopings auseinanderzusetzen – und gab letztlich den Anstoß für das vorliegende Buch.

Meckel zeichnet ein zwiespältiges Bild des Neuroenhancements, denn sie erkennt die Chancen der neuen Techniken zwar an, sieht aber gleichzeitig deren Gefahrenpotenzial. Ihr Fazit: Wenn es gelingt, das Gehirn ans Internet »anzuschließen«, wird diese Entwicklung den Menschen nachhaltig verändern. Die Auswirkungen werden nicht auf den Einzelnen beschränkt bleiben, sondern die Gesellschaft als Ganzes verwandeln. Denn wie bei jeder neuen technischen Errungenschaft wird es Verlierer und Aussteiger geben, die sich den Fortschritt nicht leisten können oder wollen. Doch welche Wahlfreiheit bleibt uns noch in einer Zweiklassengesellschaft von Menschen mit natürlichem und verbessertem Gehirn? Ist es dann überhaupt noch möglich, auf das neuronale Upgrade zu verzichten, wenn man erfolgreich sein will? Die Autorin hat auf solche Fragen für sich selbst noch keine eindeutigen Antworten gefunden. Mit ihrem Buch möchte sie aber erreichen, dass sich jeder von uns bewusst Gedanken darüber macht, wie unsere Zukunft aussehen soll.

43/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 43/2018

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