»Mein Nordpol«: Besessen vom nördlichsten Punkt der Erde
Als Erling Kagge und sein Begleiter Børge Ousland im Mai 1990 am Nordpol ankamen, waren sie die ersten Menschen, die diesen Punkt der Erde auf Skiern, ohne Hunde, Versorgungsdepots und motorisierte Hilfsmittel erreichten. Dafür benötigten die beiden Abenteurer 58 Tage. Ein weiterer Rekord im legendären Wettkampf um diesen legendären Ort hoch im eisigen Norden unseres Planeten war aufgestellt.
Von dieser Extremerfahrung berichtet Erling Kagge in »Mein Nordpol«. Der norwegische Abenteurer ist der erste Mensch in der Geschichte, der »drei Pole« erreicht hat: den Süd- und Nordpol sowie den Mount Everest. Kagge gesteht, dass er schon früh in seinem Leben von dem ominösen Punkt im weißen Nichts, ganz oben auf seinem Globus, besessen war. Aber als ihn schließlich auf dem Weg dorthin die eisige Kälte der Arktis tatsächlich umschlang, ging es um ganz Konkretes: »Unterwegs habe ich mich nie gefragt, was ich eigentlich dort wollte. Mir war zu kalt, ich war zu hungrig und erschöpft.«
Kagge berichtet in seinem Buch nicht ausschließlich von seinem eigenen Abenteuer in der Arktis, er erzählt auch die Geschichte der Eroberung des Pols. Angefangen hat wahrscheinlich alles mit der hinduistischen Schrift »Veda«, einem vierbändigen Kompendium, das seinen Ursprung rund 1500 Jahre vor unserer Zeitrechnung hatte und über die Jahrtausende anwuchs. Im ältesten Veda, dem »Rigveda«, liest man, dass nicht nur die Veden, sondern auch Teile der Menschheit ihren Ursprung am Nordpol haben.
Einen Großteil des Buchs nimmt die Geschichte der Eroberung des Nordpols in der Neuzeit ein. Kagge erzählt von gefahrvollen Reisen der Niederländer und Engländer im 16. Jahrhundert, die sich auf der Suche nach einer Nordostpassage durch das Eis kämpften. Dann kamen die kälteerprobten Russen und James Cook ins Spiel. Ihre Bemühungen, im Norden eine freie Wasserstraße zu finden, endeten allerdings alle kläglich.
Über Cook und Peary zu Amundsen und Nobile
Irgendwann war es dann doch so weit. Robert Edwin Peary behauptete, am 6. April 1909 den Nordpol erreicht zu haben. Das wiederum bezweifelte unter anderem Frederick Cook, der wiederum für sich reklamierte, bereits im April 1908 am Pol gewesen zu sein. Sowohl Pearys als auch Cooks vermeintliche Erstankunft sind aus Sicht der Wissenschaft nicht hinreichend belegt. Heute gilt als erste gesicherte Ankunft am Nordpol die Überflugexpedition von Roald Amundsen und Umberto Nobile im Jahr 1926, für die sie das Luftschiff »Norge« nutzten. Vor allem Roald Amundsen und seinen Arktisexpeditionen gibt der Autor in seinem Buch einigen Raum.
»Mein Nordpol« ist weniger eine »Biografie«, wie im Untertitel des Buchs angekündigt, sondern verbindet eher Erzählungen der gefahrvollen und legendären Entdeckungsreisen in Richtung Nordpol mit den Arktiserfahrungen des Autors. Das macht die Lektüre abwechslungsreicher als etwa rein historische Berichte über Nordpolexpeditionen. Kagge betont dabei immer wieder, wie sehr er sich in die Erzählungen der Polfahrer hineinversetzen und wie gut er deren Gefühlswelten nachvollziehen kann. Er plaudert darüber, wie er und sein Begleiter sich während das langen Marschs Richtung Norden fühlten, welche archaischen Landschaften sie durchquerten, wie sie nur überlebten, weil sie sich den Kräften der Natur anpassten, und wie sie trotz einer zweijährigen akribischen Vorbereitung der Expedition kurz vor dem Ziel ans Limit ihrer Kräfte kamen.
Kagge gelingt es mit seinen Schilderungen aus erster Hand, seinen Leserinnen und Lesern ein Gefühl dafür zu vermitteln, was es schon immer hieß und heute noch heißt, sich in der Arktis auf den gefahrvollen Weg zum Nordpol zu begeben. Er schildert eine unberechenbare Natur, die über die Jahrhunderte viele rastlose Gemüter in ihren Bann und oft auch ins Verderben gezogen hat. An so manchen Stellen im Buch fröstelt es den geneigten Leser – selbst dann, wenn er zu Hause im warmen Sessel sitzt.
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