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»Mensch«: Wie wir wurden, was wir sind

Wir gehen aufrecht, wir können sprechen und wir arbeiten zusammen. Dadurch haben wir evolutionäre Vorteile, denen Josef H. Reichholf in seinem lesenswerten Buch auf den Grund geht.

Der Zoologe Josef H. Reichholf hat sich über viele Jahre intensiv mit evolutionsbiologischen und ökologischen Fragestellungen beschäftigt. In seinem Buch beschreibt er unsere Entwicklungsgeschichte in drei Teilen, die jeweils etwa 120 Seiten umfassen: »Mensch werden«, »Mensch sein« und »Mensch bleiben«.

In »Mensch werden« erfährt der Leser zum Beispiel, welche evolutionären Vorteile der aufrechte Gang des Menschen mit sich bringt. »Die Vormenschen waren bereits mehr oder minder gute Läufer, bevor die Gehirnvergrößerung einsetzte und sich die frühen Menschenformen entwickelten.« Menschen waren so schon früh in der Lage, »jedes größere flüchtende Säugetier einzuholen.« Wie Reichholf betont, definiert das Laufen auf zwei Beinen »den Übergangsbereich zur Gattung Mensch«. Durch zwei weitere Merkmale – den relativ großen rundlichen Kopf und die weitgehend nackte Haut – lässt sich der Mensch von den Menschenaffen und allen anderen Lebewesen unterscheiden. Der aktuelle Stand der Evolutionsbiologie wird in diesem Abschnitt ausführlich erläutert.

Die Bedeutung der Sprache

»Mensch sein« behandelt dann verschiedene typisch menschliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen sowie das Leben in Gemeinschaften. So ist es etwa die Sprache, die erst ein komplexes soziales Miteinander ermöglicht. Dabei geht es nicht nur um Verständigung, denn auch die nicht sprachliche Kommunikation funktioniert in dieser Hinsicht recht gut – allein mit Mimik und Gestik können wir einiges über unser Befinden oder unsere Absichten mitteilen. Aber erst die Sprache macht »uns im Selbstverständnis erst so richtig zum Menschen«, nur durch sie können wir uns auch zu komplexen Themen austauschen. Überraschend ist jedoch, dass die Entwicklung auch Hindernisse für die Kommunikation hervorgebracht hat – denn Menschen werden durch Tausende unterschiedlicher Sprachen und Dialekte auch voneinander getrennt. Nach Reichholf führt dies dazu, dass Externe von der internen Kommunikation ausgeschlossen werden und sich dadurch Gruppen ausbilden konnten.

In der Entwicklung zum Menschen stellte die Sprache insgesamt aber einen entscheidenden Vorteil dar. Bereits die Frühmenschen konnten sich sprechend über komplexe Sachverhalte verständigen und so etwa ihre Jagden planen oder ihre Zusammenarbeit verbessern. Da gesprochene Sprache jedoch keine fossilen Spuren hinterlässt, räumt Reichholf ein, dass diese Annahme eine interessante, aber letztlich unbewiesene Theorie bleibt.

Eher biologische Sachverhalte sind die Geburt und die lang andauernde nachgeburtliche Entwicklung der Kinder. Im Vergleich zu Menschenaffen werden menschliche Kinder zu früh und recht unreif geboren. Deshalb sind sie über einen längeren Zeitraum auf die Unterstützung ihrer Eltern oder anderer Erwachsener angewiesen. Der Beckenring der Mütter bildet einen Engpass und ist gleichsam der Preis für einen anderen evolutionären Vorteil, denn er entstand durch die anatomischen Veränderungen infolge des aufrechten Gangs. Deshalb ist Geburtshilfe besonders für Erstgebärende wichtig. Die kindliche Entwicklung verläuft langsam, und erst nach dem ersten Lebensjahr außerhalb des mütterlichen Körpers erreicht ein Baby den Entwicklungsstand, den ein neugeborenes Primatenbaby bereits besitzt. Weitere Themen dieses Abschnitts sind beispielsweise die beginnende Entwicklung der Landwirtschaft und die Domestikation von Nutztieren; beide Prozesse führten zu erheblichen Veränderungen im Leben der Menschen.

Im letzten Teil »Mensch bleiben« werden Ideen und Fakten aus verschiedenen Wissensgebieten vorgestellt. Rein biologische Fragen werden etwa im Kontext der Genetik beantwortet. Der Autor betont dabei, dass »insgesamt [...] in der genetischen Zusammensetzung der Menschen sehr wenig in den letzten 10 000 Jahren« geschah. Bei vielen anderen Themen entfernt sich der Autor von der Biologie im engeren Sinne. Kurz werden unter anderem die »Bevölkerungsentwicklung«, »Aggressivität und Kriege«, das »Anthropozän« sowie die »Ökologie« angesprochen. Diese Kapitel illustrieren, mit Theodor Fontane sprechend, »ein weites Feld« und referieren viele Ansichten und Aspekte. Dies ist sicherlich anregend und interessant, doch inwieweit die Leser dem im Detail folgen möchten, bleibt ihnen überlassen.

Insgesamt bietet Buch ein breites Spektrum an Informationen über die Entwicklung des Menschen, das sich angenehm liest. Im Anhang werden die wichtigsten Bücher zu einzelnen Themen aufgelistet, so dass der Leser diese gezielt vertiefen kann. Leider weist das Literaturverzeichnis keinen genaueren Bezug zum laufenden Text auf, so dass es nicht einfach ist, hier thematische Schwerpunkte zu erkennen. Dennoch liefert der Autor einen umfangreichen und lesenswerten populärwissenschaftlichen Beitrag dazu, wie wir wurden, was wird sind, und was aus uns noch werden könnte.

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