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»Menschen, Götter und Maschinen«: Einen klaren Kopf behalten

Angesichts der Ausbreitung digitaler Maschinen sagen manche ein baldiges Ende der Menschlichkeit voraus. Andere erhoffen sich einen Evolutionssprung, der Menschen zu Göttern macht. Eine Rezension
DNA-Roboter im Nanomaßstab

Als Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland prägte Bischof Wolfgang Huber jahrelang das Gesicht seiner Religion in der Öffentlichkeit: eher undogmatisch, konziliant und – in einem etwas vagen Sinn – zeitkritisch. Mit der vorliegenden Schrift skizziert der Theologe Umrisse einer »Ethik der Digitalisierung«.

Eingangs konstatiert er: »Wir leben in einer Zeitenwende.« Es folgt eine wohlinformierte, kompakte Zusammenschau der vielfältigen Effekte, die Computer, Smartphones und das Internet auf unser Leben ausüben. Huber diagnostiziert eine drohende Spaltung der Gesellschaft in computertechnisch Vermögende und digitale Habenichtse. Er hebt die Paradoxie hervor, dass wir einerseits allergisch auf die staatliche Bedrohung unserer informationellen Selbstbestimmung reagieren, andererseits unsere persönlichen Daten bereitwillig digitalen Großkonzernen schenken.

Wie sollte die Politik auf die Digitalisierung reagieren?

Als moralische Richtschnur für die unübersichtliche Zeitenwende zitiert der Autor das »Prinzip Verantwortung«, das der Philosoph Hans Jonas anno 1979 im gleichnamigen Buch formuliert hat: »Handle so, dass die Folgen deines Handelns vereinbar sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.« Diese Maxime möchte Huber nicht nur wie sonst üblich auf die aktuelle Umweltkrise angewandt wissen, sondern auch auf das individuelle und politische Agieren angesichts der computertechnischen Umwälzungen.

Was bedeutet digitale Verantwortung für den Erziehungssektor, für die Arbeitswelt, für den Umgang mit einer unübersichtlichen Vielfalt an fragwürdigen Informationen? Hierzu stellt Huber Forderungen auf, die sehr vernünftig, aber auch wenig überraschend anmuten. Insgesamt vermitteln sie den Eindruck, dass es eine komplizierte Aufgabe ist, die Chancen der neuen Techniken zu nutzen, ohne an ihren Risiken zu scheitern.

Dabei warnt der Autor davor, den Kopf zu verlieren. Man solle Computern nicht ohne Weiteres menschliche oder gar übermenschliche Fähigkeiten zuschreiben. Die künstliche Intelligenz sei zwar ungeheuer flink im Lösen vorgegebener Aufgaben, könne sich aber in puncto Selbstverständnis und Kreativität nicht mit menschlichen Gaben messen.

Er hält insbesondere nichts davon, lernfähigen Maschinen Autonomie zuzugestehen, sondern will diesen Begriff für menschliche Subjekte reserviert wissen. Vermeintlich autonome Drohnen oder Fahrzeuge, so Huber, bleiben, selbst wenn sie befähigt werden, ihre Leistung sukzessive zu verbessern, doch bloß Automaten.

In diesem Punkt hat er wohl nur vorläufig Recht. Künstliche neuronale Netze liefern schon heute Problemlösungen, deren Zustandekommen quasi ihr Geheimnis bleibt. Es ist für Menschen oft gar nicht so einfach, die Vorgänge in einer derartigen Black Box nachzuvollziehen. Wenn wir neuerdings bereit sind, selbst niederen Tieren Leidensfähigkeit und eine Art Innenleben zuzugestehen, ist vielleicht der Tag nicht fern, an dem eine spezielle Verantwortungsethik für selbstständig agierende digitale Sklaven und elektronische Rechenknechte diskutiert werden muss.

Doch so weit will Huber nicht gehen. Er diskutiert die digitale Ethik ausschließlich unter dem Aspekt, was der alltägliche Umgang mit komplexen Maschinen für das Menschenbild bedeutet. Die Frage beantwortet er als Christ: Er lehnt Utopien ab, die quasi Gott Konkurrenz machen, indem sie dem Menschen Unsterblichkeit oder andere übermenschliche Fähigkeiten verheißen. Weder die »Singularität« à la Ray Kurzweil – ein angeblich bevorstehender Übergang der Menschheit in einen digitalen Transhumanismus – noch der »Homo deus« aus dem gleichnamigen Buch von Yuval Noah Harari sind für Huber plausible Optionen.

Man muss kein religiöser Mensch sein, um Huber in diesem Punkt zuzustimmen. Mit Recht hält er wenig von Kurzweils abstrusen Ideen, aber auch von Hararis populärer Prognose baldiger gottgleicher Allmacht. Die Auseinandersetzung mit Hararis Thesen, welche in mehreren Bestsellern enorme Breitenwirkung entfaltet haben, ist eine Stärke des Buchs. Huber führt politische, technologische und theologische Argumente ins Treffen, die Harari am Ende nicht viel besser aussehen lassen als Kurzweil.

Inmitten der digitalen Zeitenwende gilt es, einen klaren Kopf zu behalten: Die Computer werden uns Menschen weder komplett ersetzen noch zu Göttern machen; da hat Huber wohl Recht. Eine andere Frage ist, ob er die künftigen Fähigkeiten selbsttätig agierender Maschinen nicht unterschätzt.

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