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»Metropolis«: Die Macht, Staunen zu erregen

Warum leben Menschen in Städten? Und was führte zum Untergang antiker Metropolen? Diesen spannenden Fragen stellt sich der Althistoriker Greg Woolf.
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Fritz Lang hat bei der Wahl des Titels für seinen apokalyptischen Filmklassiker »Metropolis« aus den 1920er Jahren ein gutes Händchen gehabt. Metropolis: Das klingt auf der einen Seite gigantisch, außergewöhnlich, aber auf der anderen Seite bedrohlich, Angst erregend, unheimlich. Fritz Langs Dystopie hat Filmgeschichte geschrieben und damit unser kulturelles Empfinden über die Anmutung einer Megacity geprägt.

Das neue Buch des britischen Althistorikers Greg Woolf trägt in der deutschen Ausgabe ebenfalls den Titel »Metropolis« – allerdings mit dem Blick in die Vergangenheit und die Genese antiker Metropolen. Seine Darstellung konzentriert sich auf das Entstehen von Städten im antiken Mittelmeerraum und den angrenzenden Gebieten.

Gründe für ein städtisches Leben

Woolf geht in seiner Untersuchung von einigen simplen Grundfragen aus: Warum leben Menschen überhaupt in Städten? Warum haben sich im Lauf der Geschichte immer wieder riesige Städte herausgebildet? Warum sind manche Städte untergegangen?

Die Fragen sind zwar recht einfach, aber sie werden umso rätselhafter, wenn man sich bewusst macht, dass das Leben in Städten kein zwangsläufiger evolutiver Schritt der Menschheit ist. Offensichtlich besitzt der Mensch jedoch einige Merkmale (etwa Sozialität), die ihn zum Leben in einer Stadt fähig machen. Aus evolutionärer Perspektive bietet es wohl Vorteile für das Individuum, in Städten zu wohnen.

Auf der Suche nach den Faktoren für den Schritt in das städtische Leben führt Greg Woolf durch die Welt der antiken Zivilisationen: angefangen in der Zeit, in der es noch keine Städte gab, bis hin zum Untergang der antiken Welt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch ist eine extrem spannende Reise durch die Geschichte antiker Zivilisationen, die an vielen Stellen eine Begegnung mit »alten Bekannten« wie Athen, Rom und Konstantinopel ist. Selbstverständlich wird man mit neuen Erkenntnissen, Sichtweisen und Interpretationen der Alten Welt vertraut gemacht. Zum Schmunzeln ist beispielsweise die Einsicht, dass sich der Konflikt zwischen »hippen« Stadt- und bodenständigen Landbewohnern offenbar schon mit der Entstehung der ersten Städte entwickelt hat. Spuren hiervon haben sich in dem lateinischen Wort »urbanitas« erhalten, was eine kulturelle Distinguiertheit und Überlegenheit beinhaltet. Die frühchristlichen Autoren haben, da das Christentum wie andere große Religionen in der Stadt entstanden ist, die Polytheisten der alten Religionen dementsprechend abwertend als »pagani« (Landbewohner) bezeichnet.

Das Leben in Städten entwickelte sich auf Grund unterschiedlicher Problemlagen von Menschengruppen. Das konnten wirtschaftliche Notwendigkeiten wie zu karge Böden oder auch Sicherheitsinteressen wegen äußerer Bedrohungen sein. Gerade bei sehr alten Städten wie Uruk in Mesopotamien (4000 v. Chr.) lässt sich das nicht mehr sicher rekonstruieren – am Ende der Entwicklung standen jedoch Schrift, Bildwerke und die Monumentalarchitektur. Und augenscheinlich war Uruk so beeindruckend, dass andere Gesellschaften diese Kultur kopiert haben.

Handel über weite Entfernungen, Produktion von Überschüssen, Spezialisierung, Wissens-und Kulturtransfer, Bündnisse und Allianzen: Dies alles wurde durch die Organisation der Stadt möglich. Nebenbei förderte das so auch noch eine andere menschliche Verhaltensweise. Das Konkurrenz- und Prestigedenken führte im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. unter den Städten im griechischen Kulturkreis dazu, dass jede Stadt einen größeren, mächtigeren und besseren Tempel für ihre Götter haben wollte als die anderen. Ebenso war es für die griechischen Neugründungen in Sizilien wichtig, eine berühmte »Mutterstadt«, eben eine »Metropolis«, in Griechenland nennen zu können, aus der die eigenen Vorfahren stammten.

Es wundert nicht, dass die Herrscher der Städte – die Keimzellen für Reiche und Imperien wurden – ein spezielles Augenmerk auf die Außenwirkung ihrer Machtzentralen legten. Geht es um die Monumentalarchitektur, so ist hier das 2. Jahrhundert n. Chr. besonders auffällig: Von damals stammen die eindrucksvollsten städtischen Baudenkmäler im römischen Imperium. Es war die Zeit, in der die römische Herrschaft im Mittelmeerraum am wohlhabendsten und friedlichsten war.

Die Straßenmuster der antiken Städte haben bisweilen in den modernen Städten überlebt. Wer durch einige Einkaufsstraßen im heutigen Köln schlendert, dem ist vielleicht nicht bewusst, dass er dem Verlauf antiker römischer Wege folgt, bis er eventuell auf einen der alten, immer noch beeindruckenden römischen Türme stößt.

Bleibt zum Schluss nur anzumerken: Wenn ein Geschichtsbuch es schafft, intensiv über die eigene Gegenwart nachdenken, dann hat es sein Ziel erreicht.

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