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Abrechnung mit der Autoindustrie

Ein Verkehrsexperte plädiert für eine Abkehr vom derzeitigen Trend zum E-Auto. Stattdessen sollten wir öfter öffentliche Verkehrsmittel nutzen.

Die Verkehrswende gehört zu den Themen, die in Deutschland die Gemüter erhitzen. Das neue Sachbuch von Winfried Wolf mischt sich in diese Debatte ein. Wolf ist unter anderem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von »Attac«, Sprecher des Bündnisses »Bahn für Alle«, Chefredakteur von »Lunapark 21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie« und war verkehrspolitischer Sprecher der PDS (heute »Die Linke«). Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass er sich in dem Werk gegen die vermeintlich klimafreundliche Elektromobilität ausspricht. Doch ist er trotz des Hypes um das Elektroauto beileibe nicht der einzige Kritiker, der fragt, wie gut es um die Ökobilanz des Elektroautos denn nun wirklich bestellt ist.

Denn ein akkubetriebenes Automobil emittiert vielleicht während der Fahrt kein Kohlenstoffdioxid, seine Produktion setzt jedoch viel mehr CO2 frei als die Herstellung eines Verbrenners. Diese Hypothek muss das Elektroauto im Lauf seines Lebens erst einmal abfahren. Und die derzeitigen Fördermethoden für Akku-Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt sind nicht eben umweltfreundlich.

Debatten mit Schlagseite

Wolf geht detailliert auf diese und weitere Aspekte der Debatte ein. Dabei vertritt er durchaus kontroverse Thesen. Zum Beispiel geht er davon aus, dass neue Trends und Reformdebatten rund um die Mobilität im Wesentlichen von den Kraftfahrzeugherstellern bestimmt werden, wenn diese in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Er belegt das eindrucksvoll mit Zitaten und Statistiken. Womit wir freilich bei einem Problem des Buchs wären: In einigen Kapiteln werden die Leser von Statistiken regelrecht erschlagen; zudem stören diese immer wieder den Lesefluss, auch wenn der Rest des Buchs recht flüssig geschrieben ist. Weiterhin fallen sofort einige Schreibfehler ins Auge, die in einem Sachbuch nicht passieren sollten – etwa »1994-1985« statt »1974-1985«.

Interessant ist, dass der Autor sich nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern auch auf China als größten Absatzmarkt eingeht und die Versuche der Volksrepublik beleuchtet, mittels E-Mobilität zu einem führenden Akteur im Automobilsektor zu werden. Wolf belegt schlüssig seine These, dass die derzeitige Entwicklung der Elektromobilität in eine Sackgasse führt – auch wenn er gegen Ende des Buchs ins Polemische abgleitet. Seine Kritik an Elon Musk kann man gerechtfertigt finden, der Ton ist einem Sachbuch aber nicht angemessen.

Die Alternativvorschläge des Autors zur E-Mobilität enttäuschen. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes, kostenlose öffentliche Verkehrsmittel, die bevorzugte Fortbewegung per Rad oder pedes, die Verteuerung von Flügen und Autofahrten sind sicherlich keine falschen Maßnahmen, doch eher trivial. Was dem Buch völlig fehlt, aber wünschenswert wäre, ist eine Diskussion anderer Antriebssysteme. Die Erzeugung künstlicher Kraftstoffe mit Hilfe alternativer Energien etwa, Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik diskutiert Wolf überhaupt nicht.

Dennoch bietet das Buch interessante Einblicke in die Lobbyarbeit und Marktmacht der Autokonzerne. Wer die aktuellen Debatten zur Verkehrswende und zur Elektromobilität aus allgemeinem Interesse verfolgt, für den ist das Werk sicherlich ergiebig. Wer sich eher für technische Aspekte und alternative Antriebssysteme interessiert, ist mit einem Fachbuch besser bedient.

38/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 38/2019

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