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Buchkritik zu »Molekulare Humangenetik«

Die "Molekulare Humangenetik" von Tom Strachan und Andrew Read ist jetzt in der 3. Auflage auch wieder in der deutschen Übersetzung erschienen. Als die 1. Auflage 1996 zuerst auf Englisch und dann auf Deutsch erschien, war das Konzept neu: ausgehend von den weltweiten Initiativen der Humangenom-Projekte ein Lehrbuch der Humangenetik zu schreiben, das nicht von der Klinik ausgeht, sondern von der molekularen Seite kommt. Dieses Konzept hat sich offensichtlich als Ergänzung der "traditionellen" Sichtweisen bewährt, und der "Strachan/Read" ist sicherlich vielerorts Grundlage entsprechender Vorlesungen.

Die neue Auflage ist nun gründlich aktualisiert, was der derzeitigen Wissensexplosion in der Genetik Rechnung trägt. Die nach jedem Kapitel angegeben Literaturzitate von weiterführenden Übersichtsartikeln reichen bis 2003. Die Autoren verstehen es, ihre Faszination und Begeisterung dieser Entwicklung an die Leser weiterzugeben. In vier Schritten wird dabei der Leser an die aktuellen Fragen herangeführt: Teil 1 legt die Grundlagen (mit DNA-Struktur und Genexpression, Chromosomenstrukturen, Zellbiologie und Methoden der Molekularbiologie), im Teil 2 wird das menschliche Genom mit anderen Genomen verglichen (Darstellung von Modellorganismen, Rolle von Mutationen und evolutionäre Aspekte). Der 3. Teil widmet sich dann der eigentlichen Thematik des Buches, der Kartierung und Identifizierung von Krankheitsgenen, und spannt den Bogen von der "einfachen" Kartierung mendelnder Merkmale über die Analyse komplexer Krankheiten hin zur Frage genetischer Tests. Im Schlussteil weiten die Autoren den Blick zu "neuen Horizonten", insbesondere weisen sie auf neue Behandlungsmethoden für Krankheiten hin.

Das Buch lebt dabei auch von der Vielzahl vierfarbiger Abbildungen (vor allem Schemazeichnungen); in Kästen abgesetzte "Exkurse" beschreiben Spezialaspekte, die zwar zum Verständnis hilfreich sind, aber den Lesefluss stören würden. An vielen Stellen werden die Leser auch immer wieder auf ethische Implikationen hingewiesen, die sich aus der Forschung, aber auch aus den Ergebnissen molekularer Diagnostik im Einzelfall ergeben können.

Diese kurze inhaltliche Darstellung macht nicht nur die molekulare Grundorientierung deutlich, sondern zeigt auch, dass das Buch sogar an vielen Stellen einschlägige medizinische Kenntnisse voraussetzt. Es gibt in den einzelnen Kapiteln kaum Bereiche, in denen die medizinischen Symptome der jeweiligen Krankheiten besprochen werden – der Schwerpunkt liegt eindeutig auf ihrer molekularen Charakterisierung. Das setzt sich dann bis ins Stichwortverzeichnis fort, das es fast unmöglich macht, nach Krankheiten zu suchen – stattdessen sind Gene mit ihren Symbolen sehr ausführlich gelistet.

Das Buch ist insofern eine hervorragende Ergänzung für Medizinstudenten, die sich über die molekularen Grundlagen und die genetischen Aspekte ihrer Arbeit aus erster Hand und sehr aktuell informieren wollen. Für Biologen dagegen ist vor allem der Grundlagenteil zu breit und der Rest ohne ein "klassisches" Humangenetikbuch manchmal unbefriedigend. Dieser Spagat ist natürlich auch sehr schwierig – aber vielleicht gelingt es, in der 4. Auflage dieses Ungleichgewicht besser zu balancieren. Dennoch: Das Buch füllt eine Lücke und ist daher absolut empfehlenswert.
  • Quellen
BioSpektrum 2/2006

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