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Streitbares Plädoyer für den Genuss

Wer sich in Ernährungsratgebern, Büchern, Magazinen und Internetforen informiert, kann den Eindruck gewinnen, dass man überhaupt nichts mehr essen darf – sei es aus gesundheitlichen, ökologischen oder moralischen Gründen. Essen im 21. Jahrhundert ist anscheinend nicht einfach nur Nahrungsaufnahme, sondern zugleich Ideologie, politische Verlautbarung und Lebensentwurf. Vor diesem Hintergrund präsentieren Hanni Rützler und Wolfgang Reiter ihr Buch, das sich als Plädoyer gegen die herrschende "Verbotskultur" und die gängigen Mythen rund um gesunde Ernährung versteht. Die Autoren wollen zu einer gelasseneren Haltung anregen und den Lesern helfen, die Balance zwischen ethischen Ansprüchen, Gesundheitsbewusstsein und der Freude am Genuss zu finden.

Die Ernährungswissenschaftlerin und der Kulturwissenschaftler beklagen, es habe sich heute eine Abneigung gegenüber bestimmten Lebensmitteln breitgemacht, die Anzeichen eines Fundamentalismus trage. Damit meinen sie vor allem den Veganismus und die Furcht vor diversen Zusatzstoffen. Rützler und Reiter sehen darin eine Reaktion auf den Überfluss in westlichen Ländern und meinen, viele Menschen hätten schlicht Schwierigkeiten, sich im überbordenden Angebot zurechtzufinden. Statt uns auf die Abwehr eingebildeter Gefahren zu konzentrieren und uns von lustfeindlichen Verboten leiten zu lassen, so ihr Argument, sollten wir versuchen, mit der Fülle an Nahrungsmitteln genussvoll umgehen. Wenn Speiserituale und -traditionen aus ethischen und gesundheitlichen Überlegungen in Verruf gebracht werden, sehen sie darin das bedenkliche Anzeichen einer Entwicklung, die das Streben nach einem guten Dasein in Gefahr bringt.

Identifikation mit der Unschuld

Das Buch bezieht Position gegen Lebensweisen, die dem Genuss scheinbar zuwiderlaufen. Vor allem mit Veganern setzen sich die Autoren kritisch auseinander, teilweise auf recht diffamierende Art. Auch Umweltschützer, Nichtraucher und Tierschützer geraten ins Fadenkreuz ihrer Kritik, die mitunter drastisch ausfällt. Dass die Tierliebe einiger Aktivisten mit fehlendem menschlichen Mitgefühl einhergeht, mag sein. Diese aber mit Nationalsozialisten zu vergleichen, deren Tier- und Kinderliebe bloß eine "narzisstische Identifikation mit der Unschuld" sei, ist harter Tobak. Und bei allem Respekt vor Rützlers Expertise: Kann man von einer Ernährungswissenschaftlerin, die als Beraterin von Unternehmen der Lebensmittelbranche tätig ist und internationale Bekanntheit durch Verkostung des ersten in-Vitro-Burgers erlangte, eine objektive Stellungnahme zum Thema Ernährung erwarten?

Wer auf ein Sachbuch im klassischen Sinne hofft, wird enttäuscht, denn dem Werk mangelt es an sachlicher, wissenschaftlich fundierter Analyse. So beziehen die Autoren die um sich greifende Fettleibigkeit, die immer häufiger werdenden Allergien, Autoimmunerkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck nicht in die Diskussion ein. Das sind aber wesentliche Aspekte, ohne die eine fundierte Darstellung des Themas nicht auskommt.

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