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Wenn die soziale Herkunft entscheidet

Ein Erziehungswissenschaftler plädiert für mehr Chancengleichheit in der Schule.

Die Zahlen stimmen nachdenklich: Während es von 100 Akademikerkindern 83 in die gymnasiale Oberstufe und 79 an eine Hochschule schaffen, besuchen von 100 Kindern, deren Eltern keinen akademischen Abschluss besitzen, 46 die gymnasiale Oberstufe und 27 eine Hochschule. Und von 100 Kindern, deren Eltern keinen beruflichen Abschluss haben, gehen später lediglich 12 an eine Hochschule. Solche Statistiken deuten darauf hin, dass die soziale Herkunft im deutschen Bildungssystem nach wie vor eine große Rolle spielt.

Einmal chancenlos, immer chancenlos?

Eigentlich müsse das Bildungssystem für Chancengleichheit sorgen, so Aladin El-Mafaalani. Doch das tue es nicht. In seinem Buch kritisiert der Professor für Erziehungswissenschaft von der Universität Osnabrück diesen Mangel in deutschen Schulen, ergründet seine Ursachen und formuliert danach Ziele.

In unserer Leistungsgesellschaft sei die Ansicht verbreitet: Wer viel leiste, habe am Ende auch mehr. Ein Scheitern werde viel zu schnell als angeblich selbst verschuldet abgestempelt. Doch es sei schlicht ungerecht, Kinder mit ungleichen Möglichkeiten in eine komplexe und ungewisse Zukunft zu entlassen, in der sie die Folgen dann persönlich verantworten müssten.

Eine Ursache für die Chancenungleichheit sieht El-Mafaalani in der Finanzierung von Bildung in Deutschland. Sie liegt nur im OECD-Durchschnitt und werde pro Schüler erst in der gymnasialen Oberstufe gesteigert. Also relativ spät, wenn die Entscheidung zu einer Berufsausbildung oder dem Weg zum Abitur bereits gefallen sei.

Vier Ziele sind es, die der Autor für eine »Bildung der Zukunft« formuliert: die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, die den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängig machen; die Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer von vielen zusätzlichen Aufgaben wie der Sozialarbeit, um wieder den Unterricht in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen; die transparente Formulierung von Erwartungen seitens der Schule an die Eltern, die allerdings nicht zu hoch sein dürfen; sowie eine übersichtliche Struktur des Bildungssystems.

Möglichkeiten, diese Ziele zu verwirklichen und das Bildungssystem zu reformieren, sieht er beispielsweise in einer stärkeren finanziellen Förderung für jene Bereiche, die alle Schülerinnen und Schüler durchlaufen, im Ausbau von Ganztagsschulangeboten sowie in einer verbesserten Vernetzung zwischen Schulen und Vereinen.

Viele Argumente des Autors sind nachvollziehbar. Doch scheint er der Erlangung »höherer« akademischer Abschlüsse einen zu hohen Stellenwert einzuräumen. So attestiert er zwar dem in Deutschland bestehenden dualen System der Berufsausbildung zu Recht eine hohe Qualität. Doch seine Kritik daran, dass es talentierte Arbeiterkinder von einem Studium abhalten würde, erscheint fragwürdig.

Dennoch legt El-Mafaalani ein verständlich geschriebenes, nachdenklich stimmendes Plädoyer für eine größere Chancengleichheit in Deutschland vor. Damit richtet er sich an Eltern, Pädagogen sowie Bildungsverantwortliche, die bereit sind, das bestehende System und ihr eigenes Denken und Handeln im Hinblick auf eine größere soziale Gerechtigkeit zu hinterfragen.

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