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Dick oder nicht? Eine Frage des Mikrobioms

Liegt es an der Ernährung und am Bewegungspensum, wie dick wir sind? Oder bestimmen die Gene darüber, die wir als Erbteil anzunehmen haben? Oder gibt es da vielleicht noch etwas anderes, klein und unbegreiflich groß zugleich? Ja, ist Tim Spector überzeugt und meint damit das Mikrobiom, jene Gesamtheit von Milliarden Mikroben, die auf und im Menschen siedeln – vor allem im Darm. Mit seinem neuen Buch möchte der Arzt und Epidemiologe seine Forschungsergebnisse vermitteln und so einen neuen Blick auf das Thema Ernährung eröffnen.

Als Direktor der Abteilung für Zwillingsforschung am Londoner St. Thomas Hospitalkann Spector seine Arbeiten auf Beobachtungen an mehr als 10.000 Zwillingen stützen. Dabei analysierte er gezielt die Angaben zu eineiigen Geschwistern. So gelang es ihm, genetisch quasi identische Vergleichspersonen zu finden (eineiige Zwillinge besitzen dieselben Erbanlagen). Der Einfluss von Ernährung und Verhalten lässt sich an diesen besonders gut untersuchen.

Im Labyrinth der Lebensmittelkunde

Wie der Autor zeigt, wirken Ernährung und Verhalten von Fall zu Fall unterschiedlich. Spector führt das auf die Menge und Artenvielfalt der Darmmikroben zurück. Seine Mitarbeiter und er können dies anhand von DNA-Sequenzierungen des Mikrobioms belegen. Nichtsdestoweniger geht der Autor auf den Effekt verschiedener Nahrungsbestandteile ein. Dabei befasst er sich mit Fetten, Eiweißen und Kohlenhydraten als Hauptnährstoffen und Energieträgern. Weiterhin widmet er sich den viel beachteten Vitaminen, Ballast- und Mineralstoffen. Zudem wirft er einen Blick auf Süßstoffe und Konservierungsmittel, Koffein und Alkohol sowie Probiotika.

Heraus kommen rund 400 Seiten, auf denen der Epidemiologe verschiedene Diäten und Ernährungsmythen unter die Lupe nimmt. Er veranschaulicht sie an Fallbeispielen aus seiner Zwillingsforschung und überprüft sie in diversen Selbstversuchen, etwa das probeweise Verzehren von täglich 180 Gramm Vollfett-Rohmilchkäse. Diese Mischung und der belletristische Stil machen das Buch zur unterhaltsamen Lektüre. Immer wieder stacheln interessante Fragen die Neugier an: Können Joghurt-Probiotika überhaupt lebend im Darm ankommen und dort überstehen? Seit wann gibt es Nahrungsmittelallergien? Was macht Sport mit unserer Darmflora?

Die eigene Buchstruktur durchbrochen

Leider folgt Spector dem roten Faden, der durch die Kapitelstruktur vorgegeben ist, nicht immer. So kommt er in dem Kapitel über gesättigte Fettsäuren ständig auf Eiweiße zu sprechen. Auch stellt er manche Fakten nicht ganz korrekt dar. Beispielsweise kritisiert er (zu Recht) manche unhaltbaren Gesundheitsversprechen der Lebensmittelindustrie, verschweigt dabei jedoch, dass die Health-Claims-Verordnung, seit 2007 in allen EU-Staaten gültig, ihnen einen Riegel vorschiebt. Zudem fordert er seine Leser auf, nicht allen Aussagen in den Medien zu glauben, die auf angeblichen Studien basieren – beruft sich aber selbst immer wieder auf Arbeiten schwer einzuschätzender Substanz. Nicht verantwortlich zu machen ist er für die teils holprige Übersetzung, die Begrifflichkeiten uneinheitlich verwendet.

Trotz alledem fällt das Urteil über das Buch positiv aus. Es gelingt Spector zum Beispiel gut, seinen Lesern bewusst zu machen, dass restriktive, zutatenarme Diäten die Mikrobenvielfalt im Darm einschränken und auf Dauer die Gesundheit beeinträchtigen können. Seine Aufforderung, zuckerreiche und einseitige Ernährung zu vermeiden und stattdessen auf Vielfalt zu achten, ist schlüssig und auch umsetzbar.

11/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11/2016

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