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Weniger ist mehr

Harald Welzer setzt sich mit dem Aufhören auseinander und adressiert damit viele Themen, etwa persönliche, philosophische und soziologische. Herausgekommen ist ein Buch, das dazu anregt, die eigenen Einstellungen zu hinterfragen.

Sucht man nach einer einfachen Überschrift für das neue Buch des Soziologen Harald Welzer, stößt man schnell an Grenzen: Konsumkritik? Gesellschaftskritik? Aufruf zum Umwelt- und Klimaschutz? Abgesang auf den Kapitalismus? Persönliche Auseinandersetzung mit Endlichkeit und Tod? Ein wenig passt alles, macht eine Besprechung des thematisch außerordentlich breit gefächerten Buchs aber nicht einfach.

Von Marx bis Tönnies

Die thematische Breite lässt sich durch die Schlagworte im Register verdeutlichen: Eng nebeneinander stehen da der Urknall, Atomkatastrophen, die Standardökonomie und der pawlowsche Hund. Bertold Brecht und Karl Marx, der Teufel und Clemens Tönnies geben sich die Klinke in die Hand.

Doch von vorne. Aufhänger für Welzers Buch vom Aufhören ist ein Herzinfarkt, den der Autor im Sommer 2020 erlitten und nur mit viel Glück überlebt hat – ein einschneidendes Erlebnis, vor dessen Hintergrund der Autor sich im ersten Kapitel teils mit Tod und Leben auseinandersetzt, gleichzeitig aber collagenartig eine ganze Reihe anderer Themen aufbringt, die alle mehr oder weniger mit dem Aufhören beziehungsweise der Notwendigkeit dazu zu tun haben: sei dies in Hinblick auf das Erreichen von Klimazielen, mit Blick auf den hyperkonsumistischen Lebensstil vieler westlicher Gesellschaften oder den Wachstumskapitalismus.

Dabei geht es aber nicht allein um Aufrufe zu einem anderen, vielleicht bescheideneren Lebensstil. Vielmehr bringt der Autor auch ganz schonungslos auf den Tisch, an welcher Stelle das Kind vielleicht schon ein Stück zu weit in den Brunnen gefallen ist: bei den Klimazielen, die bloß mit einem grünen Wachstum oder einer dekarbonisierten Industrie wahrscheinlich nicht erreichbar sind, sondern nur mit einem unbequemen, aber notwendigen Aufhören. Allerdings könnte jeder Aufruf zu einer Änderung des Lebensstils das genaue Gegenteil bewirken: Reaktanz. Schnell noch einen SUV anschaffen und volltanken – es könnte ja bald vorbei sein.

Welzers Gedanken hinterlassen ein etwas beklemmendes Gefühl, gepaart mit leichtem Ärger über die Missstände, die er darstellt. Das liegt auch an seinem schonungslosen Schreibstil. Einen Eindruck davon bekommt man durch eine Äußerung Welzers bezüglich des Tesla-Werks in Brandenburg: »Bevor in unserem Kulturmodell eine Endlichkeitskrise auch nur in Sicht kommt, werden technische Phantasien mobilisiert: Die Digitalisierung wird ein Wunder der Energieeinsparung vollbringen, Wasserstoff wird die Rettung sein, das E-Auto wird den Klimawandel abwenden, und so wird es grüner Treibstoff für die Flugzeuge tun. Statt es für möglich zu halten, dass in Zukunft weniger Energie erzeugt und verbraucht wird, weil es zum Beispiel keine Autos und Flugzeuge mehr gibt, werden um zwei Generationen zu spät gekommene Techno-Helden wie Elon Musk glühend verehrt.«

Im zweiten Kapitel erzählt Welzer »Geschichten vom Aufhören und vom Leben«. Auch hier könnten die kurzen Unterkapitel kaum unterschiedlicher sein: Es geht um den Abbruch von Klettertouren Reinhold Messners, dem künstlerisch in Wert gesetzten Abschied von Industrieanlagen, dem frühen Tod des Kindes einer Freundin, Sterbekultur in Teilen der Bevölkerung New Orleans oder – wieder ganz anders – eine zurückhaltendere Vermarktung von Insektiziden in einem Unternehmen, das er schildert.

Abschließend verfasst Welzer im dritten Kapitel den für das Buch namensgebenden »Nachruf auf mein zu lebendes Leben«, der als Erkenntnis aus den vorhergehenden Abschnitten gedacht ist. In diesem solle unter anderem stehen, so wünscht es sich der Autor: »Er konnte gut Zeit verschwenden«, »Er hatte gelernt, das Optimieren zu lassen«, »Er hat keine Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, die zukünftige Menschen in ihrer Entwicklung beeinträchtigen« oder »Er fand gar nichts dabei zu sagen, was er dachte«.

Zumindest den letzten Satz könnte man wohl heute schon in Welzers Nachruf schreiben, aber auch den anderen kann man sicherlich zustimmen, etwa dem Bemühen, lehrreiche Fehler zu machen. Und vielleicht empfiehlt es sich, dem Ansatz des Autors zu folgen und die Dinge einmal vom Ende aus zu denken und seinen eigenen Nachruf zu Lebzeiten verfassen. Vielleicht regt das dazu an, darüber nachzudenken, welche Spuren man auf diesem Planeten hinterlassen möchte.

So eklektisch und schwer zu greifen Welzers Buch ist, so lesenswert ist es auch: Es ist eine interessante Mischung aus persönlichen Gedanken sowie wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Betrachtungen.

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