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Zwischen Traum und Wirklichkeit

Anhand aufwühlender Fallgeschichten vermittelt ein Neurologe viel über Albträume, Schlafwandeln und das schlummernde Gehirn.

Dem Schlaf haftet etwas Unheimliches an. So fallen wir zu nächtlicher Zeit normalerweise in eine tiefe, schwarze Bewusstlosigkeit. Guy Leschziner lässt uns in seinem beeindruckenden Buch ein wenig hinter den Vorhang schauen und weiß Skurriles und Erhellendes zu berichten.

Der Autor ist Neurologe, Schlafforscher und Leiter des Guy’s Hospital Sleep Disorders Centre in London. Dort hat er hunderte Patienten mit Schlaf­störungen behandelt. Von zwölf eindringlichen Fallgeschichten aus seinem klinischen Alltag, die einen teilweise erschaudern lassen, berichtet er in diesem Band.

Schlafend am Steuer

Er erzählt von Menschen, die nachts von Erscheinungen heimgesucht werden, Todesängste durch­leiden und dabei bewegungslos ans Bett gefesselt sind. Oder solchen, die sich schlafend aufs Motorrad setzen, nackt umherlaufen, brüllen, schlagen und ihre Partner verletzen – sich am nächsten Tag jedoch an nichts erinnern können. Das sind natürlich alles Extremfälle. Trotzdem fühlt man sich ihnen als Leser(in) erstaunlich nah. Das mag zum einen daran liegen, dass der Autor seine Patienten und ihre Angehörigen stets selbst zu Wort kommen lässt, wobei ihre Vorgeschichte, ihre Lebensumstände und ihr Leid anklingen. Zum anderen kann man, selbst in der bizarrsten Schilderung, Parallelen zu sich selbst erkennen.

Denn wer hat nicht schon einmal nächtelang wach gelegen, ist schweißgebadet von einem Albtraum erwacht und hielt ihn kurzzeitig für Realität? Bei vielen von Leschziners Patienten ist dies jedoch ein Dauer­zustand. Bei der Narkolepsie etwa schwanken die Betroffenen unkontrolliert zwischen Wach- und Schlafzustand hin und her, was zum Teil Halluzina­tionen verursacht.

Der Neurologe belässt es nicht bei der Schilderung von Symptomen – er verrät zu jedem Fall auch, wie er zur endgültigen Diagnose kam und was die vermuteten Ursachen sowie Therapieoptionen waren. Dabei taucht er tief in die neuro­wissenschaftlichen Grundlagen und die Methodik ein. Das macht er jedoch dermaßen bildhaft, dass ihm auch Laien folgen können. Aufgelockert wird das Ganze von Anekdoten aus der Medizingeschichte und aus Leschziners eigener Laufbahn.

Nebenbei vermittelt das Buch viel Wissenswertes und Erstaunliches rund um den Schlaf und das Gehirn, etwa darüber, warum wir träumen oder unser Gehirn niemals komplett schläft. Nach Abschluss der Lektüre werden die Leser höchstwahrscheinlich mit gemischten Gefühlen ins Bett gehen. Sie werden dankbar sein, dass es ihnen nicht so ergeht wie Leschziners Patienten. Vielleicht werden sie auch ein kleines bisschen Angst haben, denn um es mit den Worten von Sokrates zu sagen: »Und in jedem von uns, selbst in dem untadeligsten Menschen, lauert eine wilde Bestie, die im Schlaf hervorkriecht.«

44/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2019

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