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Ziel unbekannt

In Zeiten allgemeiner Verunsicherung und Zukunftsangst platziert Ranga Yogeshwar sein neues Werk "Nächste Ausfahrt Zukunft" genau richtig. Der Wissenschaftsjournalist, dem geneigten Leser aus diversen TV-Sendungen bekannt, entfaltet in seinem Buch ein Panorama der Zukunftsthemen: künstliche Intelligenz, Robotik, Digitalisierung, (Total-)Überwachung, Stimmbiometrie. Mittels didaktischer Reduktion und griffiger Formulierungen bringt er komplexe Themen den Lesern gekonnt nahe. Die deterministische Funktionslogik von Algorithmen auf Partnerbörsen bringt er beispielsweise so auf den Punkt: "If Partner geeignet, then abspeichern, else löschen."

Yogeshwar kann aus einem reichen Fundus von Erfahrungen schöpfen. Er berichtet von Forschungsreisen in die Atomruine von Fukushima, dem Besuch eines Klonlabors in Südkorea sowie einem Überwachungs-Selbstexperiment. Fast schon im Plauderton erzählt er, wie eine Kryonik-Firma im amerikanischen Scottsdale menschliche Körper in Stickstofftanks bei minus 196 Grad Celsius lagert, um sie eines Tages wieder aufzutauen und zum Leben zu erwecken. Es sind zuweilen verstörende Zeugnisse einer futuristischen Welt. Wie in seinen Fernsehsendungen erklärt Yogeshwar plastisch, nimmt sein Publikum an die Hand und zeigt die Chancen und Risiken der Technologie auf. Und er stellt die richtigen Fragen: Mensch und Maschine – wer programmiert wen? Werden uns Roboter kontrollieren? Was bleibt vom Menschen? Löst sich die Privatsphäre auf?

Das Smartphone als Eintrittspforte zur Welt

Die Antworten des Autors vermögen jedoch nicht immer zu überzeugen. Zwar wartet Yogeshwar im Schirrmacher-Duktus – dem verstorbenen FAZ-Herausgeber ist das Buch gewidmet – mit guten Diagnosen auf. Etwa: "Das Unteilbare des Menschen zerfällt in dieser Logik zu einer Ansammlung messbarer Größen." Doch bewegt er sich oft entlang bekannter Argumentationslinien. Dass die Dauererreichbarkeit durch Smartphones die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit auflöst, ist ein Allgemeinplatz. Auch die Tatsache, dass wir nicht etwa mehr Bücher lesen, sondern vielmehr digitale Lesegeräte den Konsumenten (aus)lesen, wird schon lange debattiert. Manche Überlegungen Yogeshwars, etwa ob Algorithmen und vernetzte Computer dereinst die Macht über die Menschheit übernehmen ("Singularität"), sind nicht viel mehr als Geraune, was der analytischen Schärfe zuweilen etwas abträglich ist. An einigen Stellen (etwa zur Selfie-Kultur) schwingt zudem ein latenter Kulturpessimismus mit. Gut gemeinte Forderungen à la "Unser Bewusstsein muss sich ändern" oder "Wir sollten keine Angst vor dem Morgen" haben klingen recht floskelhaft und abgedroschen.

Ein Zitat des genialen Mathematikers Alan Turing aus dessen Aufsatz "Können Maschinen denken?" (1950) übersetzt Yogeshwar mit "Wir können hoffen, dass Maschinen schließlich mit Männern in allen rein intellektuellen Feldern konkurrieren werden" und mokiert sich im darauf folgenden Satz über die unzeitgemäße Verwendung des Wortes "Männer". Dass das englische "men" auch "Menschen" bedeuten kann, ist offenbar selbst dem Lektor nicht aufgefallen. Dieser Lapsus (wie auch der Übersetzungsfehler von Googles altem Wahlspruch "Don’t be evil") wäre verzeihlich, würde Yogeshwar nicht in dozierendem, zuweilen belehrendem Ton schreiben.

Den durchaus spannenden Überwachungs-Selbstversuch, bereits im Oktober 2013 im Feuilleton der FAZ beschrieben, verkauft Yogeshwar als bahnbrechendes Experiment, obwohl Überwachung inzwischen unter ganz anderen Vorzeichen stattfindet. Millionen Menschen rüsten ihr als "Smart Home" deklariertes Zuhause mit Mikrofonen und Kameras zum Big-Brother-Container aus. Der Netzwerklautsprecher Amazon Echo steht mittlerweile in jedem zehnten US-Haushalt. Das hat keinen experimentellen Charakter mehr, sondern bereits einen handfesten marktwirtschaftlichen. An dieser Stelle hätten man sich eine kritische Reflexion des Konsums der Überwachung gewünscht – darüber, warum Bürger sich freiwillig zu Komplizen des Erkennungsdienstes machen.

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