»Natürliche Intelligenz und Bewusstsein in Zeiten von KI«: Intelligenz in gehaltvollen Häppchen
Antonio Damasio ist Professor für Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie an der »University of Southern California« und hat bereits einige Bücher über das menschliche Gehirn vorgelegt. Hier widmet er sich nun der Natur des Bewusstseins. Im Gegensatz zu Menschen seien sich einfache Organismen – von Bakterien bis zu Mammutbäumen – ihrer Existenz nicht bewusst. Traditionell wird das menschliche Bewusstsein den komplexen Funktionen der Großhirnrinde zugeschrieben: Wahrnehmen, Denken, Fühlen und auch die kognitive Verarbeitung sowie Sprachfunktionen werden hier in komplizierten Netzwerken von Nervenzellen verortet. Der Autor betont, dass jedoch auch körperliche Prozesse wie Herztätigkeit, Blutdruck oder Atmung zu berücksichtigen seien, für die das vegetative Nervensystem zuständig ist. Und subkortikale Regionen des Zentralnervensystems mit komplexen Strukturen wie beispielsweise dem Hypothalamus spielten ebenfalls eine große Rolle für unser Bewusstsein.
Anspruchsvolle Breite an Themen
Dieser Ansatz ist überaus komplex, weil er nicht nur Fragen der Neurobiologie, sondern auch solche aus Psychologie und Philosophie berührt. Damasio versucht, seinen Lesern all dies auf 210 Seiten nahezubringen (ergänzt um rund 30 Seiten Anmerkungen und Literaturhinweise im Anhang). Sehr kurze Kapitel, die oft nur vier bis sechs Seiten umfassen, können den jeweiligen Aspekt oft nur anreißen. Das Themenspektrum der insgesamt 30 Abschnitte ist enorm breit. Damasio verhandelt große Fragen wie »Natürliche Intelligenz und die Logik des Bewusstseins«, »Die Rätsel des Bewusstseins« und »Das Problem, Bewusstsein zu erzeugen«, »Die Welt um uns und die Welt in uns« und »Die Wunder der Interozeption«. Daneben finden sich aber auch Abschnitte zu »Körpertemperatur und Atmung«, »Hunger und Durst« oder »Schmerzen und Übelkeit«. Angesichts dieser Themenvielfalt verwundert es nicht, dass der Autor in seiner Darstellung nicht in die Tiefe gehen kann. Es ist allerdings fraglich, ob Leser mit geringen Vorkenntnissen über Anatomie und Neurophysiologie des Gehirns seinen Ausführungen wirklich folgen können.
Leider helfen die sehr wenigen Abbildungen hier auch nicht weiter, da sie im Text kaum erklärt werden. So wird eine schematische Darstellung der hochkomplizierten Schaltkreise des Hirnstamms nur oberflächlich erklärt. Neurowissenschaftler verstehen die Bedeutung der dargestellten anatomischen Strukturen und Verbindungen auch ohne nähere Erläuterungen; Laien hingegen dürften sich an solchen Stellen alleingelassen fühlen.
Künstliche Intelligenz eher ein Randthema
Dabei liest sich Damasios Text durchaus flüssig – auch wenn nicht jeder Leser Formulierungen wie »üppige Gefühligkeit«, »intellektuelle Stratosphäre«, »ein alter Hut« oder »Schnee von gestern« goutieren wird. Dass »Gefühle […] in den Gewölben unseres Geistes widerhallen« müssen, kann man inhaltlich nachvollziehen, auch wenn man auf diesen »Widerhall« aus sprachlicher Sicht gern verzichtet hätte. Und der im deutschen Titel gegenüber dem Original (»Natural Intelligence & the Logic of Consciousness«) ergänzte Bezug zur künstlichen Intelligenz ist zwar vielleicht nicht irreführend, verspricht aber doch deutlich mehr, als das Buch trotz des zehnseitigen Kapitels zum Thema zu halten vermag.
So schwankt man zwischen inhaltlicher Zustimmung zu Damasios Ausführungen und großen Bedenken ob der Verständlichkeit dieses Buchs, das ja eigentlich eine breite Leserschaft erreichen möchte. Es ist sicher ein anregender, nicht akademischer Beitrag mit sehr kurzen, fokussierten Kapiteln. Die ausführlichen Anmerkungen und die Bibliografie dürften neugierige Leser dazu anregen, sich genauer mit einzelnen Themen zu beschäftigen. Fehlen ihnen allerdings Grundlagenkenntnisse in Neurophysiologie und -anatomie sowie mitunter auch Detailwissen, so müssen sie weitere Quellen hinzuziehen.
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