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Eroberung fremden Terrains

Eingeschleppte Spezies, die ihre heimischen Konkurrenten verdrängen, verursachen große Probleme.

Vielleicht müssen wir, wenn wir künftig in andere Länder reisen möchten, zuvor erst unsere Kleidung und unser Gepäck säubern lassen. Immerhin würde das der Verschleppung von Lebewesen entgegenwirken, die im Einreiseland nicht heimisch sind, sich auf Kosten endemischer Spezies ausbreiten und diverse negative Folgen für Mensch und Natur haben können – der so genannten invasiven Arten. Mit ihnen befasst sich Atlant Bieri ausführlich in diesem Buch. Der Schweizer Umweltwissenschaftler nimmt seine Leser mit auf einen Streifzug durch die Flora und Fauna der Welt, bei dem er verschiedene Forscher zu Wort kommen lässt. Zwar liegt der Schwerpunkt auf den Gefahren, die sich mit invasiven Arten verbinden. Doch spricht Bieri, worauf schon das Fragezeichen hinter dem Titel hinweist, auch mögliche Vorteile und Chancen an.

Haben Pflanzen und Tiere sich nicht immer schon in anderen Ländern angesiedelt? Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man von invasiven Arten spricht? Laut Bieri gilt allgemein die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus (1492) als historischer Startpunkt, weil infolge des damals aufkommenden, globalen Schiffsverkehrs immer mehr Regionen miteinander in Austausch kamen. Manchmal sei das bewusst erfolgt, schreibt der Autor: So hätten Seefahrer mitunter Schweine und andere Nutztiere auf Inseln ausgesetzt, um eine sichere Nahrungsquelle zu schaffen, aus der sich später schöpfen ließe. Oft jedoch sei es unbewusst geschehen, etwa wenn auf Schiffen mitgereiste Ratten im Zielland von Bord huschten.

Von Kontinent zu Kontinent

Eine zweite historische Welle invasiver Arten sieht der Autor im Zeitalter des Kolonialismus, der mit einer Intensivierung der Reiseaktivitäten einherging. Im 19. Jahrhundert seien in der »Neuen Welt« sogar »Acclimatisation Societies« gegründet worden, um die Natur mit Pflanzen und Tieren aus Europa zu »bereichern«. Beispielhaft hierfür nennt er Stare, die um 1890 in den USA ausgesetzt wurden, weil sie in Parks für eine »Shakespeare-Atmosphäre« sorgen sollten. Längst stellt ihre auf rund 150 Millionen angewachsene Population eine enorme Belastung dar, denn die Tiere plündern Obstbäume und produzieren riesige Mengen an Ausscheidungen.

Mit Blick auf Europa beschreibt Bieri, wie sich dort parallel ein Trend hin zum Anpflanzen exotischer Blütenpflanzen entwickelte. Nicht zuletzt infolge von Einkaufsaktivitäten und des Tauschhandels von botanischen Gärten hätten das indische Springkraut, der Riesenbärenklau oder der japanische Staudenknöterich und mehr die trennenden Meere überwunden. Nur zu oft erwiesen sich die Grenzen der Parks und Gärten als nicht hinreichend, um die natürliche Verbreitung solcher Gewächse zu verhindern.

Den dritten Schub habe die Invasion mit der Globalisierung im 20. Jahrhundert erfahren, als der weltweite Handel die Zahl invasiver Pflanzen- und Tierarten in die Zehntausende steigerte.

Anhand zahlreicher weiterer Beispiele geht der Autor im Folgenden genauer auf die Möglichkeiten unbewusster Verschleppung zu Land, zu Wasser und in der Luft ein. Unter anderem greift er das Problem der Ballastwassertanks von Schiffen auf, deren Entleerung im Zielhafen diverse Lebewesen freisetzen kann. Damit diese sich als invasive Arten behaupten könnten, müssten allerdings viele Umweltbedingungen wie die Temperatur oder die Zusammensetzung des Meerwassers stimmen, betont Bieri.

Brände als Verbreitungshelfer

Vor allem auf Inseln hätten invasive Arten oft davon profitiert, dass sie zumindest anfangs keine natürlichen Feinde hatten. Zu den Arten, die in in diesem Zusammenhang oft genannt werden, gehört der Eukalyptus. Der ursprünglich in Australien heimische Baum hätte als invasive Spezies ganze Landschaften geprägt, unter anderem in Portugal. Gleich mehrere Faktoren begünstigten seine Verbreitung, erklärt der Autor: Das gut brennbare Öl in den Blättern, die bei Gewitter leicht in Brand geraten; die trockenen Rinden, durch die sich Feuer rasend schnell verbreiten; und die hitzestabilen Samenkapseln, die sich erst in der Wärme öffnen und nach Waldbränden ihre Samen freisetzen – lange, bevor andere Pflanzen auskeimen.

Seit das Problem der invasiven Arten bekannt ist, ergreifen die Länder unterschiedliche Maßnahmen. Bieri teilt diese in die Stufen »Vorbeugen«, »Entfernen«, »Eindämmen« und »Anpassung« ein. In den einzelnen Kapiteln dazu findet sich viel aus den vorherigen Abschnitten wieder, wenngleich in anderem Kontext. Das betrifft etwa die möglichen Vorbeugemaßnahmen wie eine Ballastwassertank-Verordnung oder Einfuhrkontrollen des Zolls anhand länderspezifischer schwarzer Listen. Das Entfernen wiederum durch Ausreißen, Absammeln, Jagen und Anderes habe durchaus Erfolgschancen, sei aber mit hohem Aufwand und entsprechenden Kosten verbunden. Beispielhaft für das Eindämmen führt der Autor verschiedene Maßnahmen gegen die Kirschessigfliege an, etwa Duftstofffallen, die Winzer und Obstbauern einsetzen. In vielen Fällen bleibe aber nur noch, sich an invasive Spezies anzupassen – etwa, indem man neue Tierarten als Nahrungsquelle nutze.

In den letzten Zusammenhang passen auch die positiven Effekte invasiver Arten, die der Autor anreißt. Die Robinie etwa verdränge andere Pflanzen, liefere aber Holz von guter Qualität und eigne sich zur Wiederaufforstung ehemaliger Braunkohlereviere. Und invasive Muscheln wie die Zebramuschel könnten möglicherweise dazu dienen, ausgefallene Leistungen mariner Ökosysteme zumindest teilweise wieder auszugleichen.

Fraglos erreicht der Autor sein Ziel, die Relevanz, den Umfang und die Aktualität des Themas deutlich zu machen. Leider wiederholt er sich gegen Ende hin immer häufiger und springt zwischen einzelnen Unterpunkten abrupt hin und her. Auch dürften sich viele Leser fragen, ob es angemessen ist, wenn ein Wissenschaftler Pflanzen als strategisch planend und aktiv handelnd beschreibt. Von diesen Patzern abgesehen lautet das Gesamturteil: lesenswert und für eine breite Leserschaft von hohem Wert.

50/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 50/2018

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