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»Neue Horizonte«: Unbekannte Wissenschaft aus aller Welt

Nichts weniger als eine neue, globalisierte Sicht auf die Geschichte aller Wissenschaften will der Wissenschaftshistoriker James Poskett liefern – und erzwingt dafür manchmal Beispiele. Eine Rezension.
Schwebendes offenes Buch in einem Bücherfenster einer Bibliothek

Der Autor James Poskett ist Juniorprofessor für Wissenschafts- und Technologiegeschichte in Warwick, England. Er hat bisher ein Fachbuch über die Schädelforschung und Rassenkunde von 1815 bis 1920 veröffentlicht sowie einige Aufsätze in Zeitschriften und möchte sich nun mit einem gut lesbaren, sparsam bebilderten Sachbuch einem breiteren Publikum bekannt machen. Sein Statement lautet: »Wissenschaft ist kein ausschließlich europäisches Unterfangen – und war es auch nie.«

Weder neu noch originell

Diese Erkenntnis ist weder neu noch originell. Die Wissenschaftsgeschichte ist niemals erschöpfend auch nur für ein begrenztes Fachgebiet oder eine Örtlichkeit darstellbar. Daher kann sie immer nur Ausschnitte vorstellen und untersuchen. Dass Poskett der europäisch-nordamerikanischen Wissenschaftsgeschichte vorwirft, sich meist mit ihren eigenen Forscherinnen und Forschern befasst zu haben (bis hin zu den Ursprüngen in Mesopotamien übrigens …), ist daher mehr als verwunderlich. Den Ausgang seiner Kritik bildet ein willkürlich gewählter, relativ später Zeitraum der »wissenschaftlichen Revolution« in Europa. Schon dieser Anfang, aber auch alle wenigen vorgestellten Themen und Details des Buchs stellen ironischerweise die von ihm kritisierte Auswahl und Einengung dar.

Man muss sein Buch wohl als politisch motivierte Kritik verstehen, also dem herrschenden Zeitgeist geschuldet. Poskett möchte an allen Ecken des Planeten explizit wissenschaftliche Leistungen finden und möglichst auch ihren Einfluss auf die europäische Wissenschaft. Wenn er sich etwa China zuwendet, ist das leicht; schwieriger wird es bei indigenen Völkern. Ist die Navigation anhand von Sternen oder die Fähigkeit, sich an Mustern im Schnee zu orientieren, bereits Wissenschaft? Oder die Unterscheidung von Nutz- und Heilpflanzen? Hier sollte man wohl eher von Kultur sprechen. Diffus wird der Autor, wenn es um astronomische oder mathematische Details geht – wenn er zum Beispiel behauptet, die Nazca-Linien der Indianer in Peru dienten genau demselben Zweck wie eine Basislinie für Triangulationsmessungen. Zu klären wäre demnach, was Poskett überhaupt unter (Natur-)Wissenschaft versteht.

Der Autor möchte weniger bekannte außereuropäische Randfiguren und deren Lebenskontext thematisieren. Einige von ihnen wie der indische Physiker Satyendranath Bose sind jedoch durchaus berühmt, oder sie haben nicht die Bedeutung, die Poskett ihnen zuschreiben möchte. Er führt dabei einige Details minuziös aus, die bisher vor allem dem großen Publikum unbekannt blieben. Sein Fokus liegt auf dem Aspekt globaler Expansion. Dabei geht es dem Autor explizit um Kritik an Imperialismus, Kapitalismus, Sklavenhandel, an Europa und USA, aber auch Nationalismus generell. Seine Botschaft lautet: Überall auf der Welt wurde der Wissenschaft zugearbeitet, Europa hat sich nicht nur überschätzt, sondern andere Völker auch für Forschungen missbraucht.

Den größten Gewinn bietet das Buch, wenn man es aus der Metaperspektive betrachtet: Unter welchen Aspekten wird (Wissenschafts-)Geschichte im frühen 21. Jahrhundert geschrieben, und womit hat man Erfolg? Das macht es ebenso für folgende Generationen interessant. Posketts Bemühungen bilden den aktuellen medial popularisierten Zeitgeist ab, alle Bereiche unter fokussierten, quasinormierten, politischen Aspekten zu betrachten – auch in der Geschichtsschreibung. Damit ist wieder ein Buch von einem Europäer für Europäer/Nordamerikaner entstanden; unter neuer Prämisse. Es ist ein gutes Beispiel für die Zeitlichkeit von Sichtweisen, Narrativen und »Wahrheiten«.

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