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Das Böse in der Welt

Man reibt sich als moderner Mensch die Augen. Hat nicht der Teufels- und Hexenglaube unsägliches Leid über hunderttausende Menschen in Europa gebracht, vor allem über Frauen: Denunziation, Folter und in vielen Fällen den Tod durch Verbrennen, zelebriert als schauriges öffentliches Spektakel? Kein Wort verliert der Autor des vorliegenden Buchs über diese dunkle Epoche der europäischen Geschichte. Vielmehr will er dem Leser die Existenz des Leibhaftigen wieder schmackhaft machen.

Haben nicht der lutherische Theologe Johann Matthäus Meyfart (1590-1649) und der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635) unter Lebensgefahr gegen den Hexenwahn angeschrieben, bis schließlich später dem Juristen der frühen Aufklärung Christian Thomasius (1655-1728) der Durchbruch gelang und die Hexenprozesse nach und nach aufhörten? Kein Wort darüber vom Autor! Und hat uns nicht gerade die Aufklärung, die Stärkung der Vernunft, vom Wahn des Teufelsglaubens befreit? Aber hier hakt der Autor ein. Denn selbst die Ikone der Aufklärung, Immanuel Kant, sprach noch vom "radikal Bösen".

Strebt die Menschheit zum Besseren?

Was hat es mit diesem Buch auf sich? Ist es das Machwerk eines Spinners? Ist hier religiöser Fundamentalismus am Werk, oder handelt es sich um eine Fingerübung in Satire oder makabrem Zynismus? Der Autor, österreichischer Philosoph und Universitätsprofessor, hat durchaus die ernsthafte Absicht einer philosophischen Fundamentalanalyse. Und man kann ihm zugutehalten, dass seit der Aufklärung das Wirken des Bösen in der Welt nicht ab-, sondern eher zugenommen hat. Gerade in der vermeintlich so aufgeklärten Moderne ist das Böse – etwa Hitler mit seiner ungebrochenen Faszination, dem der Autor ein Kapitel widmet – in kaum noch zu überbietender Weise präsent. Nach der Analyse Strassers sind es gerade zwei Merkmale der Moderne, die es dem Bösen erleichtern, in der Welt Fuß zu fassen.

Zum einen sei es der reine Immanenzglaube, der Naturalismus der modernen Wissenschaft, der mit seinen biologischen, psychologischen, soziologischen und kulturellen Erklärungsmustern des Bösen zu kurz greife. Als Beispiel hierfür muss der Begründer der Kriminalanthropologie herhalten, der Italiener Cesare Lombroso (1835-1909). Dieser meinte, den geborenen Verbrecher, den nicht therapierbaren Homo delinquens, an bestimmten körperlichen Merkmalen – etwa der Schädelform – festmachen zu können. Eine These, die Nationalsozialisten später nur zu gern aufgriffen.

Aber auch moderne Theorien der Neurowissenschaften, welche die vollkommene Determiniertheit des Menschen vertreten und daher auch das Böse als Produkt eines Kausalzusammenhangs zu erklären suchen, verfallen allzu plakativ und undifferenziert dem Verdikt des Autors. Für Strasser ist der moderne naturwissenschaftliche und philosophische Naturalismus, der den Menschen seiner Schuldfähigkeit beraubt, die Wiederauferstehung des antiken Schicksalsglaubens des Manichäismus; er ist "naturalistischer Manichäismus". Die Anhänger des Naturalismus dürften erstaunt sein, wenn der Autor ihrem philosophischen Kredo attestiert: "Der naturalistische Manichäismus ist eine Maske des Teufels." Das metaphysische Defizit, das dieser Naturalisierung des Bösen eigen ist, führt den Autor zu seinem kategorischen Imperativ der Ontologie des Teufels: "Keine Psychologisierung, keine Soziologisierung des Radikalbösen!" Eine innerweltliche Erklärung Hitlers wäre demnach eine Kapitulation vor Satan.

In fahler Gesellschaft

Zum anderen, schreibt Strasser, führe der Naturalismus zu einer Entgeistung, ja Seelenlosigkeit des modernen Menschen, die in dessen mangelnder Lebendigkeit zum Ausdruck komme. Der Autor spricht hier von ontologischer Fahlheit. Es sei klar, dass dieser Mangel an Lebensintensität sich in der Massenkultur ein Korrektiv suche und dieses in allerlei nervenkitzelnden Verkörperungen des Bösen finde: Monstergestalten, Vampire, Aliens, Satanismus, Fantasie, Dark Wave, Gothic und so weiter. Die früher in der Hölle wirkenden Dämonen würden so Eingang in die naturalistische Moderne finden. Strasser scheut nicht vor starken Worten, dies zu konstatieren: "Das Leben, gedacht als Triumph der Immanenz, ist die Hölle." In der Moderne wirke der Teufel als derjenige, der die Menschen entseelt: IS-Anhänger, aber auch – starker Tobak – der entgeistigte Vertreter der westlichen Kultur.

Es wäre wünschenswert gewesen, der Autor hätte die Gegenposition etwas stärker herausgearbeitet, nämlich das Böse als die Möglichkeit der Freiheit – das Raskolnikow-Syndrom – oder als eine Erscheinungsform des freien Geistes zu deuten. Seine Hinweise auf den freien Willen, das "liberum arbitrium" der theologischen Tradition, fallen allzu schwach aus. Auch seine Idee des ontologischen Überschusses, des Geistigen im Menschen und dessen Verweis auf das Transzendente, wäre weiterer Erläuterung würdig. Das Buch ist flott geschrieben, voller interessanter Gedanken und starker Formulierungen, hinterlässt aber einen unangenehmen Nachhall. Der Teufel will einem einfach nicht so recht schmecken. Vielleicht ist das Böse ja nur ein Mangel an Liebe – dann brauchen wir den Leibhaftigen nicht.

35/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35/2016

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