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»Opfer«: Wenn Begriffe Maß und Mitte verlieren

Maria-Sibylla Lotter verbindet den philosophischen Blick auf die Überdehnung des Begriffs »Opfer« mit echter Empathie jenen gegenüber, die Leid erfahren haben.

Ein Sturm der Entrüstung brauste auf, als der Musiker Gil Ofarim 2021 in einem Video unter Tränen einen Hotelmitarbeiter des »The Westin Leipzig« des Antisemitismus beschuldigte. Dieser hätte von ihm verlangt, seinen an einer Kette getragenen Davidstern einzupacken. Vor dem Hotel brachen Proteste aus, zwei Hotelmitarbeiter wurden beurlaubt, Prominente – einschließlich des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland – solidarisierten sich mit dem Musiker. Erst zwei Jahre später gestand Ofarim, gelogen zu haben, und entschuldigte sich vor Gericht.

Dieser Fall steht am Anfang von Maria-Sibylla Lotters philosophischer Studie über Opfer und Verwundbarkeit. Zur Sprache bringt sie drei Aspekte, durch die sich, so die Autorin, seit den 1960er Jahren »eine Konfliktkultur mit völlig neuen Strukturen und Dynamiken herausgebildet« habe. Erstens seien individuelle Konflikte zu kollektiven Ereignissen geworden, indem die Öffentlichkeit konsequent in diese eingebunden werde; zweitens würden komplexe Situationen in einfache Täter-Opfer-Schemata übersetzt und entsprechend moralisch aufgeladen; drittens würde ein therapeutischer Blick eingenommen, der »die persönliche Betroffenheit des Opfers« in den Mittelpunkt stelle und gleichzeitig verlange, das Opfer als »ein psychisch verletztes Wesen« zu behandeln. Für die Autorin ist der so beschriebene moralische Wandel das Ergebnis der inhaltlichen Erweiterung von Begriffen, die sie in Kapiteln wie »Die neue Therapiemoral«, »Die Laientheorie des Traumas« oder »Die Resakralisierung des Opfers« untersucht. Zu guter Letzt verweist sie auf Sprachverletzungen im akademischen Diskurs, die zu einer »Tyrannei der Werte« führten.

Überzeugende Beispiele

Das Buch überzeugt, weil es den dargestellten Sprach- und Mentalitätswandel eng mit konkreten und bekannten Ereignissen verknüpft. So beschreibt Lotter, wie die Bedeutung des Begriffs »Trauma« erweitert wurde, als US-Soldaten aus dem Vietnamkrieg zurückkehrten und sich in ihrem Alltag nicht mehr zurechtfanden. War »Trauma« vorher dem Kontext »Wunde« vorbehalten, wurde der Begriff gerade mit Blick auf die Veteranen zunehmend auch auf psychische Zustände bezogen und schließlich in die Klassifizierung von Diagnosen eingebracht: 1980 wurde die »Posttraumatische Belastungsstörung« (PTBS) in den USA als Krankheitsbild anerkannt, 1991 nahm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die PTBS in das auch in Deutschland maßgebliche Klassifikationssystem ICD-10 auf.

Eine Konjunktur der Heilungsnarrative?

»Heute gelten nahezu alle psychologischen Belastungen des Lebens als traumatisch«, schreibt die Autorin. Die »Laientheorie« löse psychologische Begriffe wie »Trauma« aus dem Fachkontext heraus und überführe sie in die Alltagssprache und sogar in die Alltagskultur. Das gelte nicht nur für »Trauma«. Ähnliche Prozesse verlagerten den Blick von der Zukunftsorientierung der Gesellschaft auf Heilungsnarrative, »formuliert in der Sprache einer therapeutisch geprägten Kultur«. Die Gesellschaft blicke infolge dieser Entwicklung stärker und wohlwollender auf Opfer, für »sprachlose« Minderheiten ergebe sich die Chance, mehr Aufmerksamkeit zu erlangen.

Lotter verweist hier auf den Aufruf zum »Speak out« innerhalb der Frauenbewegung und die Entkriminalisierung von Homosexuellen in den 1960/70er Jahren. Mit der weiteren Aufarbeitung der Naziverbrechen sei – befördert unter anderem durch die Serie »Holocaust« – Ende der 1970er Jahre eine weitere Transformation des Diskurses erfolgt: Eine neue Erinnerungskultur mit Gedenkveranstaltungen sei entstanden, um die Opfer angemessen zu repräsentieren. Auch der Kampf der Afroamerikaner um Gleichberechtigung, die an den Universitäten etablierten »Postcolonial Studies« sowie die LGBTQIA+-Bewegung seien Aspekte dieser kulturellen Veränderung.

Moralischer Fortschritt und seine Überdehnung

Etwa in der »Black Lives Matter«-Bewegung habe sich, so die Autorin, die Bedeutung von »Opfer« gleichzeitig verengt und sakralisiert. In der christlichen Theologie seien im Wort »Opfer« noch zwei Bedeutungen miteinander verschmolzen gewesen: das aktive »sacrificium« und das passive »victima«. Der Tod von George Floyd 2020 habe dann einen historischen Moment hervorgebracht: Floyd, das Opfer polizeilicher Gewalt, sei binnen Stunden zum »Märtyrer« geworden; und die Geste des Kniefalls, die ein Footballspieler bereits 2016 aus Protest gegen rassistisch motivierte Unterdrückung berühmt gemacht hatte, gewann im Zusammenhang mit Floyds Tod sakrale Bedeutung. Aber schon vor diesem Ereignis hätten sich, so die Autorin, viele bewusst als Opfer präsentiert, weil sie sich davon Vorteile versprachen – was den Begriff diskreditiert und all jenen geschadet habe, deren Leiden eine angemessene Wahrnehmung verdient.

Denn, das sei ausdrücklich betont: Die Autorin ist weit davon entfernt, Menschen, die ein Unrecht erlitten haben, ihre Empathie zu versagen – sie verdienen jede Hilfe und Aufmerksamkeit. Dabei gehe es auch darum, ihre »Selbstwirksamkeit« zu stärken, anstatt sie paternalistisch zu passiven Wesen zu erklären. Frauen wie Natascha Kampusch und Gisèle Pelicot hätten genau gegen eine solche Reduktion ihrer Persönlichkeit und ihrer Geschichte opponiert – und sich damit durchaus »verdächtig« gemacht, wie Lotter mit Blick auf Kampusch feststellt: »Das Publikum will Heiligkeit und bekommt zu seinem Verdruss Menschlichkeit.«

Entgleisende Diskussionen

Für die Prozesse, die eine Überdehnung von Begriffen auslösen können, liefert Lotter viele Beispiele. Vereinfacht beschrieben, folgen sie oft einem Muster: Bestimmte Gruppen identifizieren eine Diskriminierung, gehen gegen sie vor und erzielen dabei Erfolge; je erfolgreicher sie sind, desto intensiver wird ihr Bemühen, selbst noch minimales Unrecht zu bekämpfen; dadurch provozieren sie eine andere Gruppe, die sich nun ihrerseits diskriminiert fühlt und gegen das opponiert, was sie als überzogene Ansprüche der ursprünglichen Bewegung wahrnimmt. Eine solche Dynamik kann zur Eskalation moralisch geprägter Diskussionen führen, wie dies hierzulande etwa beim Thema »Gender und Sprache« häufig geschieht.

Lotter stellt fest, dass Gesellschaften oft nicht in der Lage seien, ihren moralischen Fortschritt als solchen zu erkennen. »Wenn aber reale gesellschaftliche Erfolge nicht mehr anerkannt werden, weicht der Stolz auf die eigene Gesellschaft einer Desillusionierung und moralischen Abneigung.« Bereits Alexis de Tocqueville (1805–1859) hat ein ähnliches Phänomen beschrieben: Die Abnahme sozialer Ungerechtigkeiten erhöhe zugleich die Sensibilität gegenüber verbleibenden Ungleichheiten – das »Tocqueville-Paradoxon«.

Ein kluges, ausgewogenes Buch

Mein erster und letzter Eindruck: »Opfer« ist ein sehr kluges Buch, das einen guten Mittelweg zwischen Ambiguitätstoleranz und Unaufgeregtheit einerseits und menschlichem Mitgefühl andererseits findet. In der Entwicklung, in der laut Lotter seit den 1960er Jahren die Ausweitung von Begriffen wie »Verwundung«, »Trauma«, »Opfer« oder »Vulnerabilität« stattgefunden hat, erkennt die Autorin einen echten moralischen Fortschritt, benennt aber auch die mit ihm verbundenen Übertreibungen sowie die Konflikte, die aus ihnen hervorgingen. Beiden Aspekten wird sie mit nachvollziehbaren Argumenten gerecht.

Das Buch ist für alle geeignet, denen die Entwicklung von Moral in der Gesellschaft am Herzen liegt. Bei aller Komplexität des Themas ist es verständlich geschrieben, die vielen Beispiele sind hilfreich. Und es dokumentiert eine wesentliche Kompetenz der Philosophie: wie der genaue Blick auf das Sprechen über bestimmte Phänomene dabei hilft, den moralischen Wandel einer Gesellschaft zu begreifen.

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