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Überlebenskünstler in den Lüften

Schleiereulen haben ein derart empfindliches Gehör, dass sie in stockdunkler Nacht auf Mäusejagd gehen können. Merkwürdigerweise wählen sie zum Nisten ausgerechnet Kirchtürme und setzen sich dort dem dröhnenden Lärm der Glocken aus. Anscheinend leidet ihr Hörsinn darunter nicht im Geringsten. Warum, ist unbekannt.

Der Wanderfalke gilt als schnellster Vogel der Welt. Nach neuesten Messungen erreicht er im Sturzflug 350 Kilometer pro Stunde. Dass er in diesem mörderischen Tempo sein Ziel mit größter Präzision ansteuert, ohne mit gefährlichen Hindernissen zu kollidieren, verblüfft Fachleute immer wieder.

Die südafrikanische Kapbeutelmeise baut von allen Vögeln das wohl raffinierteste Nest. Der beutelförmige Unterschlupf verfügt über eine gut getarnte, verschließbare Zugangsröhre – und darunter einen vorgetäuschten Eingang. Diese "Scheintür" dient dazu, Baumschlangen in die Irre zu führen. Andere Vogelarten hingegen stückeln ihre Nester ziemlich "schlampig" zusammen oder bauen sie gleich am Boden. Weshalb sie das tun, weiß man nicht genau, denn Bodennester werden öfter von umherstreunenden Raubtieren heimgesucht. Vermutlich jedoch wird dieser Nachteil dadurch ausgeglichen, dass Bodenraubtiere die noch gefährlicheren Raubvögel auf Abstand halten.

Vögel sind die größten Überlebenskünstler im Tierreich, davon ist der Zoologe und Evolutionsbiologe Josef Reichholf überzeugt. Nicht nur hätten sie es geschafft, sich aus eigener Kraft und ohne technische Hilfsmittel über alle Kontinente zu verbreiten. Nicht nur kämen sie mit extremen Temperaturen und Temperaturschwankungen zurecht. Sie hätten sich auch in einem solchen Maß von ihrer Umwelt unabhängig gemacht, dass man Begriffe wie "ökologisches Gleichgewicht", "invasive Art" oder "ökologische Nische" auf sie kaum anwenden könne.

Überlegene Organmaschine

In Reichhholfs Augen ist es vor allem die einzigartige "Herz-Lungen-Luftsack-Maschine", die die Vögel zu ihren virtuosen Anpassungsleistungen befähigt. Sie ermögliche einen enormen Energieumsatz, eine sehr hohe Herzschlagrate und eine Körpertemperatur, die jene der Säuger weit übersteige. Allein deswegen, erklärt der Autor, könnten Vögel sich derart schnell und ausdauernd in der Luft, auf dem Boden und im Wasser fortbewegen. Vielleicht könne deshalb auch ihr Gehirn in Rekordgeschwindigkeit arbeiten – und so ein halsbrecherisches und dennoch weitgehend unfallfreies Fliegen erlauben.

Dass Krähen, Raben und Papageien regelrechte Geistesakrobaten sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Der Autor betont jedoch, Nesthocker seien generell ziemlich intelligent und lernbegierig. Und die intelligentesten von ihnen seien die Singvögel, die zudem über hocheffizient gebaute Beine und Füße verfügten.

Vom Abfallprodukt zur raffinierten Körperbedeckung

Das typischste Merkmal der Vögel, die Feder, gehört zweifellos zu den bedeutendsten evolutionären "Erfindungen". Doch wie ist sie während der Stammesgeschichte entstanden? Reichholf vermutet, Federn seien ursprünglich eine Art Abfalldeponie gewesen, indem sie dazu dienten, überschüssige Eiweiße mitsamt ihren schwefelhaltigen Bestandteilen sowie giftige Farbstoffe aufzunehmen.

Weiterhin nimmt der Autor an, bei jeder Vogelart stimme der Stoffwechsel der Männchen im Wesentlichen mit dem der Weibchen überein. Die gleiche Menge an Ressourcen, die Weibchen in die Erzeugung der Eier, das Bebrüten des Geleges und die Versorgung der Jungen investierten, müssten Männchen für die Bildung eines Prachtgefieders, für Balzrituale oder Gesänge aufwenden. Zudem beschäftigt sich Reichholf mit dem Brutparasitismus des Kuckucks und erläutert dabei, wieso Vögel überhaupt Eier legen. Er zeigt, weshalb Großstädte für die Federtiere immer attraktiver werden, und erklärt, warum gegenwärtig jede zehnte Vogelart vom Aussterben bedroht ist.

Anatomie, Stoffwechsel und Energiehaushalt der Vögel nehmen in dem Buch viel Raum ein. Auf der Grundlage dieser Abschnitte erörtert der Autor zahlreiche Phänomene aus der Welt der Vögel. Was dabei herauskommt, ist immer wieder verblüffend. "Ornis" überzeugt als aufschlussreiches und originelles Buch über die Vögel und ihre vielfältigen Beziehungen zur Umwelt, zumal es ganz ohne Fachjargon auskommt.

32. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32. KW 2014

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