»Orte, die Zeiten überdauern«: Pilgern ist menschlich
Das Pilgern scheint ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zu sein. Seit Jahrtausenden machen sich Menschen auf den Weg zu einem Ziel, das sie als verehrungswürdig oder heilig ansehen. Dies gilt nicht nur traditionell für viele Glaubensgemeinschaften, inzwischen haben sich auch unzählige säkulare Varianten des »Pilgerns« etabliert.
Insgesamt 19 bedeutende Pilgerorte hat Kathryn Hurlock, Historikerin an der Manchester Metropolitan University, für ihr Buch ausgewählt. Darunter sind weltberühmte Ziele wie Jerusalem, der wohl wichtigste Pilgerort für Juden und Christen und zugleich eine heilige Stätte des Islams. Andere von Hurlock vorgestellte Orte sind weniger bekannt, etwa das schottische Iona.
Von den Maya bis heute
Im Zentrum des Buchs stehen Historie und Entwicklung der Pilgerorte. Dass die Verfasserin den historischen Bogen dabei von der Zeit der Maya bis in die Gegenwart spannt, sorgt für eine abwechslungsreiche und vielseitige Lektüre. Hurlock vermittelt zudem die vielfältigen Anlässe, die zu Pilgerfahrten führen – zum Beispiel die Verehrung der Ahnen, die Befreiung von Sünden oder die Erfüllung von Gelübden. Kerbela (Irak) wird etwa als Ort geschildert, an dem Trauer und Tod für die Pilger im Mittelpunkt stehen, wenn sie die Grabstätte des schiitischen Märtyrers Imam Al-Husain ibn ʿAlī besuchen.
Hurlock beschreibt das Pilgern nicht nur als Phänomen des Glaubens, sie analysiert auch dessen politische Implikationen. So folgten gemäß der Autorin die missionarische Tätigkeit der katholischen Kirche und die portugiesische Kolonialpolitik demselben Interesse: der Unterdrückung und Versklavung der jeweils einheimischen Bevölkerung. Eindrücklich beschreibt Hurlock dies am Beispiel Muximas, einem bedeutenden Pilgerort in Angola, der auf diese Art instrumentalisiert wurde.
Pilgerorte als Macht- und Wirtschaftsfaktoren
Die Verfasserin zeigt auch immer wieder, wie an Pilgerstätten Macht demonstriert wurde. Indigene Völker wie die Cheyenne oder die Lakota pilgern etwa zum Mathó Pahá (South Dakota, USA) – einem Berg, der »Bear Butte« genannt wird, da er einem schlafenden Bären ähneln soll. Mit ihrer Umsiedlung in Reservate um 1870 wurde den Völkern jedoch der Zugang zu diesem Naturheiligtum verwehrt.
Auch wirtschaftliche Aspekte des Pilgerns hat Hurlock im Blick. Denn Pilger müssen versorgt werden, benötigen Unterkunft und Verpflegung. Vielerorts fördern bis heute Verantwortliche die Prominenz »ihres« Pilgerorts dezidiert um des wirtschaftlichen Vorteils willen. Für Lourdes, das heute jährlich circa sechs Millionen Besucher begrüßt, hängt seine wirtschaftliche Existenz von Pilgerreisen und Wallfahrten ab. Außerdem gilt: Nur ein Ort, der »Attraktionen« bietet, zieht auch genügend Pilger an und profitiert von ihnen. Die Autorin erzählt unterhaltsam, wie deshalb zum Beispiel in Konstantinopel zahlreiche Reliquien zusammengetragen wurden. Allein die Kapelle der »Marienkirche am Pharos« nannte im Mittelalter zeitweise 48 Reliquien der Passion Christi ihr Eigen. Während der Kreuzzüge verlor Konstantinopel durch Plünderungen später dann viele seiner Reliquien.
Bilder der Pilgerstätten und eine ausführliche Bibliografie runden das Buch ab. Es bietet nicht nur lebendige Beschreibungen der Geschichte von Pilgerorten, sondern vermittelt darüber hinaus auch spannendes Wissen zu den jeweiligen Ländern, Regionen oder Kulturen. »Orte, die Zeiten überdauern« ist ein leicht lesbares und faktenreiches Buch, das sich für historisch und kulturell Interessierte eignet – und zwar auch dann, wenn sie nicht unmittelbar eine Pilgerreise planen.
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben