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Beständigkeit in der Wüste

Keine Hochkultur des Altertums fasziniert die Nachwelt so sehr wie das pharaonische Ägypten. Weltweit verbuchen Museen Besucherrekorde, avancieren Ausstellungen zu Publikumsmagneten. Dies gilt auch für die Erlebnisschau "Pharao", die seit März 2017 ihre Pforten im Lokschuppen Rosenheim geöffnet hat (bis Dezember 2017). Interessant ist ihre Konzeption, die durch Zusammenführen von Bau- und Sozialgeschichte die Gesellschaft Ägyptens "in neuer Weise lebendig werden lassen will". Dieses komplexe Gefüge von Architektur und sozialen Strukturen beleuchtet der vorliegende Begleitband zur Ausstellung in erhellenden Beiträgen.

Im Vordergrund des Werks steht der Raum als Handlungsort, in dem Menschen auf unterschiedlichste Weise miteinander interagieren. Deutlich spürt man dabei die Handschrift von Christian Tietze, Ausstellungskurator und zugleich Herausgeber des Bands, der nicht nur grabungserfahrener Archäologe, sondern zugleich versierter Architekt und Ingenieur ist.

Schwarzer Schlamm

Das erste Kapitel "Landschaftsräume" behandelt die naturgeografischen Faktoren, die Ägypten prägen. Umgeben von Wüsten, war das Land jahrhundertelang vor Invasoren und auch Fremdeinflüssen von außen geschützt, was zu einer stabilen Entwicklung im Innern beitrug. Daneben sorgte der Nil, der einen rund 1000 Kilometer langen Grünstreifen in die karge Wüstenlandschaft gräbt, für Fruchtbarkeit. Die Ägypter priesen "Hapi", die göttliche Verkörperung des Nils, als Heilsbringer, der alljährlich über die Ufer trat und bis zu 21 Kilometer breite Streifen beiderseits des Flusses mit fruchtbarem schwarzen Schlamm überzog. Nach ihm benannten die Ägypter ihr Land: "Kemet", das Schwarze.

Anschaulich zeigt das Buch auf, wie aus dem Naturraum Ägypten ein Kulturraum wurde. Der berechenbare Kreislauf der Natur ermöglichte die Urbarmachung des Lands: Ein komplexes, aus Erdwällen und Kanälen bestehendes Bewässerungssystem sorgte dafür, dass das Nilhochwasser auf die Felder gelangte und im Niltal blühende Landschaften entstanden.

Am deutlichsten zeigt sich der Übergang von der Ackerbaugesellschaft zur Hochkultur in der Architektur. Anfangs aus Lehmziegeln, ab 2700 v. Chr. aus Stein errichteten die Ägypter Bauwerke, mit denen sie, gegen die Zeit aufbegehrend, Monumente für die Ewigkeit schufen. Zunächst als Mastaba (arabisch für Steinbank), später als Pyramide entstanden am Rand des Fruchtlands weithin sichtbare Grabanlagen als Wohnstätten für die Könige und Königinnen im Jenseits.

Gemeinsam feiern

Lebensräume im Diesseits, "in denen Menschen ihr Zusammensein organisieren", beleuchten die Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven und anhand diverser Architekturen. Prächtig ausgestattete Tempel und Paläste werden dabei ebenso vorgestellt wie simple Wohnhäuser der Unterschicht oder Unterkünfte der Arbeitersiedlungen, die durch zahlreiche Grundrisse und Architekturmodelle erläutert und veranschaulicht werden. Die Autoren unterscheiden dabei zwischen nichtöffentlichen (Tempel, Paläste, Wohnanlagen) und öffentlichen Räumen (Plätze, Straßen, Vorhöfe der Tempel, Alleen, Ufer und Prozessionswege), auf denen sich die Menschen bewegten, arbeiteten, agierten und gemeinsam feierten.

Als Orte der Gemeinschaft kommt vor allem den letzteren eine wichtige integrierende Funktion für die Gesellschaft zu. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Festen und Thronjubiläen, an denen die Menschen regelmäßig zusammen kamen und die deshalb besonders stark identitätsstiftend waren. Etwa das Sedfest, auch Erneuerungsfest genannt, an dem die Bevölkerung Ägyptens miterlebte, wie die magischen Schöpfungskräfte des Königs, die sich im Laufe einer langen Regierung abgenutzt hatten, rituell erneuert wurden.

Darüber hinaus erfahren die Leser allerlei Wissenswertes über den Alltag der Ägypter, über Landwirtschaft und Vorratshaltung, Götterwelt und Totenkult – und über die Institution des ägyptischen Königtums, dessen Amtsinhaber als Einziger in der Lage schien, kultisch mit den Göttern zu kommunizieren und so die weltliche und kosmische Ordnung Ägyptens zu bewahren. Das war auch der wesentliche Grund dafür, warum das Königtum in Ägypten mehr als dreieinhalb Jahrtausende lang niemals in Frage gestellt wurde.

Den Autoren gelingt es, die stummen Zeugen einer längst vergangenen Kultur wieder lebendig zu machen und somit den Lesern das Alltagsleben in verschiedenen Landschafts- und Lebensräumen des alten Ägyptens zu veranschaulichen. So zeichnen sie ein sehr bildhaftes und facettenreiches Gesamtbild einer hochentwickelten Gesellschaft, in der vor mehr als 5000 Jahren der erste Zentralstaat der Weltgeschichte entstand.

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