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Holz röhrt nicht

In den zurückliegenden 60 Jahren hat kein Instrument die Musik so beeinflusst wie die elektrische Gitarre. Obwohl sie heute zunehmend von computergenerierten Klängen verdrängt wird, verkauft sie sich nach wie vor millionenfach. Es gibt hunderte Verstärkermodelle im Angebot, und allein in Deutschland mehrere populäre Zeitschriften über dieses Instrument. Allerdings haben viele Gitarristen abenteuerlichste Vorstellungen über die Funktionsweise und den Klang ihres Equipments, was eine marktschreierische "Fachpresse" noch befördert.

Das einzigartige Werk "Physik der Elektrogitarre" erklärt nun auf 1290 Seiten die physikalischen Grundlagen des E-Gitarren-Klangs sowie dessen akustische und elektronische Details. 15 Jahre befasste sich Elektroakustik-Professor und Gitarrist Manfred Zollner mit dem Thema – unter anderem, indem er verbreitete "Glaubenssätze" im Labor auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfte. Ein solcher Mythos besagt, dass teures Holz einer Gitarre guten Klang verleiht, was Zollner in umfangreichen Messungen widerlegt hat: Auf den elektrisch verstärkten Klang nimmt das Holz so gut wie keinen Einfluss!

Einer anderen Annahme zufolge klingen Röhrenverstärker bei gleicher Wattzahl viel lauter als Transistorverstärker. Zollner erklärt, warum das tatsächlich so ist: unter anderem nämlich aufgrund der völlig verschiedenen Innenwiderstände von Netzteil und Endstufe bei diesen beiden Verstärkerarten. Subtile Schaltungsdetails, etwa in der Phasenumkehrstufe der legendären Marshall-Röhrenverstärker, beschreibt der Autor ebenso nachvollziehbar wie den Magnetfluss in Stratocaster-Tonabnehmern. Und hätten Sie gewusst, dass die Obertonfrequenzen der Gitarrensaiten aufgrund deren Biegesteifigkeit keine exakten Vielfachen der Grundfrequenz sind – im Widerspruch zur elementaren Schwingungstheorie –, was erhebliche Wirkung auf den Sound hat?

Blick auf technische Einzelheiten

Das Buch ist außerordentlich lebendig geschrieben. Mit zahlreichen Diagrammen, Fotos und Schaltplänen macht Zollner technische Details begreiflich. Hin und wieder streut er humorvolle Passagen ein, die den Rummel der Musikindustrie karikieren, aber auch vor schlichterem Witzgut nicht zurückschrecken ("Tim booked two"). Der Autor setzt bei seinen Lesern allerdings physikalische Kenntnisse voraus. Wer noch nie einen Schaltplan gesehen hat oder beim Anblick von Fourier-Integralen komplett aufsteckt, sollte lieber die Finger von dem Buch lassen.

Eine Schwäche ist zu kritisieren: Das Werk analysiert vorwiegend berühmte E-Gitarren und Verstärker aus den 1960er und 1970er Jahren, deren Originale heute zu Unsummen gehandelt werden. Modernes Equipment, etwa die Mesa-Rectifier-Verstärker oder japanische Gitarren, betrachtet der Autor überhaupt nicht, und auch zur aktuellen Amp-Modelling-Technologie hätte man sich mehr Informationen gewünscht. Dennoch ist "Physik der Elektrogitarre" ein herausragendes Werk, das unter technisch interessierten Gitarristen, Röhrenfreaks, Elektroakustikern und Toningenieuren viele begeisterte Leser finden dürfte.

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