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»Physik für die Katz«: Katzen, Kosmos, Kurioses

Detailreich und bis in die letzte Pointe durchdacht, gewähren uns Tom Gaulds Comics ungewöhnliche Einblicke in die faszinierende und oft auch kuriose Welt der Wissenschaft.

Der schottische Cartoonist und Illustrator Tom Gauld dringt mit seinen Comics in Welten vor, in die sich andere Zeichner kaum wagen: Buchbranche und Literaturbetrieb, Sciencefiction, Naturwissenschaften und Technik. Schon in der »Abteilung für irre Theorien« widmete er sich mit Hingabe der modernen Wissenschaft und ihren Abläufen, Terminologien und auch Kuriosa. In der Comicsammlung »Physik für die Katz« macht er damit munter weiter. Es geht um Themen wie Fortschritt, Technik oder die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft – stets mit einem liebevollen Blick auf alle sogenannten Geeks und Nerds dieses Universums.

Eine Katze im Raumanzug

Bereits das Cover setzt den Ton des Comics und beweist zugleich, wie elegant Gauld eine Brücke zwischen Alltagserfahrungen und der manchmal abgehoben wirkenden Welt der Wissenschaft zu schlagen vermag. Wir sehen, wie sich eine Katze im Raumanzug durchs nachtschwarze All auf eine Raumstation zubewegt. Hinter dem erleuchteten Eingang wartet ein Astronaut und fragt: »Was jetzt, rein oder raus?« Darüber können nicht nur genervte Katzenbesitzer lachen (wie auch über die anderen Bilder, in denen Katzen eine tragende Rolle spielen), sondern auch Wissenschaftsfreaks, die Witze und komische Szenen gern bis ins kleinste Teilchen hinein analysieren.

Auf den folgenden 160 Seiten gelingt es Gauld dann nicht nur glaubhaft, Katzen, Quanten und den Kosmos organisch miteinander zu verbinden; er räsoniert dabei auch noch über Schwarze Löcher, Teilchenbeschleuniger oder die Blockuniversum-Theorie und erwähnt zwischendurch sogar noch Faust, Søren Kierkegaard und Sigmund Freud. Auf jeder Seite entdecken wir Neues und Unerwartetes – wie Forschende in der Wissenschaft. Die Szenen oder abgeschlossenen Minigeschichten nehmen dabei jeweils nur eine Seite ein: mal als formatfüllende Zeichnung, mal in Sequenzen mehrerer Panels, die sich zu einer Story formen.

Perfekt komponierte Comics mit stilsicheren Pointen

Auf den ersten Blick wirkt Gauld Stils einfach, minimalistisch, reduziert. Wir sehen klare Linien, wenige Farben, Figuren oft als bloße Silhouetten, wenig oder gar keinen Text. Schauen wir genauer hin, erkennen wir aber, wie durchdacht die Comics sind; wie sehr Gauld seinen Stil perfektioniert hat; wie sicher er die Pointen setzt; mit wie viel Mühe er selbst kleinste Details darstellt; welch hohe Qualität seine Gestaltung hat; und wie stimmig die Bilder koloriert sind. Dahinter steckt schließlich echte Handwerkskunst und ein enormes Know-how. So sammelt Gauld erste Ideen in einem Skizzenbuch. Die besten Entwürfe zeichnet er dann mit der Hand nach, scannt die Bilder und koloriert sie erst danach am Computer.

So zeigt die Panelreihe »Wissenschaftler*innen im Urlaub« zwei schattenhafte Figuren beim Strandspaziergang vor Sonnenuntergangskulisse: »Ist es nicht wunderschön, wegzufahren und nicht an die Arbeit zu denken?« Das nächste Bild zeigt Gedankenblasen über den Köpfen. Darin sehen wir Graphen, Formeln, Berechnungen. Im letzten Bild antwortet der Gefragte: »Ja«. Gauld taucht die Szenerie in stimmungsvolle, rot-orange Farbtöne und entwirft dazu ein gelungenes Licht-Schatten-Spiel. Die Gedankenblasen sind mit Millimeterpapier grundiert. In einem anderen Bild reicht ein einziges Detail, um die Situation auf den Punkt zu bringen: An einem Supercomputer entdecken wir einen Spot, der an ein Auge erinnert. Sein Lichtkegel fällt auf zwei herbeieilende Wissenschaftler, die ins Gespräch vertieft sind: »Bitten wir ihn doch um Hilfe bei der Lösung der Klimakrise, aber mit einer Formulierung, die nicht so klingt, als seien nur wir schuld.«

Am besten funktioniert der wunderbare, wissenschaftlich fundierte Witz der Comicstrips, wenn man die Bilder punktuell genießt, statt sich von Seite zu Seite voranzublättern. Schließlich wurden sie für diese Sammlung aus ihrem ursprünglichen Kontext im »New Scientist« extrahiert, wo sie amüsante Begleiter von wissenschaftlichen Artikeln waren. Dass sie nicht in ihrem ursprünglichen Kontext erscheinen, ändert aber nichts daran, dass »Physik für die Katz« eine gelungene Comicsammlung ist, die mit Witz und Verstand geistreich unterhält und dabei auch durchaus ernst zu nehmende Einblicke in den Alltag von Wissenschaftlern gewährt.

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