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»Pig Business«: Fleischprodukt Schwein – eine Umweltsau

Der Ökonom Rudolf Buntzel liefert einen Überblick zu globalen Abhängigkeiten, Umweltbelastungen und zur Wirtschaftlichkeit von Schweinezucht. Auf das Tier geht er dabei kaum ein. Eine Rezension.
Schweine in einem Tiertransporter

Rudolf Buntzel ist Ökonom und hat sich jahrzehntelang im Entwicklungsdienst mit Agrarhandel, Armutsbekämpfung und Agrarökologie beschäftigt. Er und seine Koautoren legen in ihrem Buch »Pig Business« die lokalen und globalen Verflechtungen der Schweineindustrie dar. Während der Klappentext verspricht, das intelligente und sympathische Tier mit all seinen Besonderheiten vorzustellen, tritt das Schwein über weite Strecken des Buchs nur im Zusammenhang mit Produktions- und Umsatzzahlen in Erscheinung. Erst die letzten, eher kurzen Kapitel lassen hoffen, dass es zumindest in Europa hier und da wieder die Chance hat, als Lebewesen wahrgenommen und entsprechend behandelt zu werden.

Hochtechnisierte Schweinezucht: Das globale Schwein

Die Schweineindustrie ist dem Autor zufolge eine Branche mit sehr geringen Gewinnspannen. Einen Gewinn könne man somit nur über massenhafte Produktion erzielen. Während das in Deutschland meist auf großen bäuerlichen Betrieben geschehe, gebe es in China und den USA bereits global agierende Konzerne, die in hochtechnisierten Anlagen auf Knopfdruck tausende Schweine versorgen und so billiges Fleisch produzieren. Wirtschaftliche Zwänge würden deshalb eine artgerechtere Haltung verhindern.

Grundsätzlich unterscheidet Buntzel drei Formen der Schweinewirtschaft: »das lokale Schwein« der armen Leute, »das bäuerliche Schwein« des Familienbetriebs, und »das globale Schwein« der Tierindustrie. Ersteres ist demnach das Schwein der ärmeren Bevölkerung in Entwicklungsländern, das im Hinterhof gehalten und mit Küchenabfällen ernährt wird. Nur zu festlichen Anlässen oder aus Geldnot ließen die Besitzer es schlachten. Ob dieses allerdings das glücklichere Schwein sei, bleibe fraglich. Es habe zwar oft mehr Bewegungs- und Verhaltensfreiheit als ein industriell produziertes Tier, dafür bekäme es in der Regel keine medizinische Versorgung und wäre nicht selten unkontrollierter Tierquälerei ausgesetzt. Als Beispiel nennt der Autor den Transport eines gefesselten Schweins auf dem Gepäckträger eines Motorrads.

Das bäuerliche Schwein, das noch nicht in Form der Massentierhaltung gemästet wird, habe es schwer, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bestehen, so Buntzel. Es gebe inzwischen zahlreiche Standards und Qualitätszertifikate, die für kleinbäuerliche Betriebe schwer zu erreichen seien. Die Vermarktung über große Schlachthöfe sei nur bei großen Abnahmemengen möglich.

Und die Schlachthöfe würden ein »normiertes« Schwein zur Weiterverarbeitung erwarten. Bloß so ließe sich die Anlage optimal nutzen. Wenn das Tier zu groß oder zu fett sei, gebe es Preisabzüge. Nur moderne Schweinerassen wachsen schnell genug und haben trotzdem ein mageres Fleisch, erläutert der Autor. Ihr Erbgut sei lizensiert und lediglich als teure, tiefgefrorene Samenportion zu erhalten. Ein globales Schwein könnte zum Beispiel mit Samen aus den USA erzeugt, mit Sojaschrot aus Brasilien gemästet, von rumänischen Lohnarbeitern geschlachtet und anschließend in Form von Schweinefleischprodukten nach China exportiert werden. Zum Anbau des Futters auf ehemaligen Regenwaldflächen und dem Transport um die halbe Welt würden sich enorme Güllemengen gesellen, die das Grundwasser belasten und das globale Schwein zu einer echten Umweltsau machten. Der ökologische Fußabdruck sei riesig. Die Vorstellung, wie Schweine in 13-stöckigen Fabriken auf Betonböden mit Spalten gemästet werden, ohne jemals mit Luft und Sonne in Berührung zu kommen, kann einem wirklich den Appetit verderben.

Es wirkt bedrückend, dass rentable Schweinewirtschaft nur noch in Form des globalen Industrieschweins möglich zu sein scheint. Erst gegen Ende des Buchs zeichnet sich ab, dass es vielleicht doch Alternativen geben könnte: etwa das Bio-Schwein oder das Schwein der Neuland-Initiative, die besonders viel Wert auf Tierwohl legt. Auch bestimmte Schweinerassen mit besonders schmackhaftem Fleisch ließen sich teurer verkaufen und damit besser halten. Eine echte Wende, zumindest in Deutschland, könnte die Ankündigung eines bekannten Discounters bringen, ab 2030 nur noch Frischfleisch der Tierwohlstufe 3 und 4, also mit Außenstall, Auslaufhaltung oder Biozertifizierung, verkaufen zu wollen, so der Autor.

Im Mittelpunkt des Buchs steht das Schwein, aber nicht als Tier, sondern als Produkt, was leider der heutigen Realität entspricht. In manchen Abschnitten ist das Werk mühsam zu lesen, manchmal wiederholen sich die Grundaussagen. Aber Infokästen und kurze Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels lockern den Stoff auf und geben dem Buch eine gewisse Struktur. Wer wissen möchte, was hinter dem Stück Fleisch an der Theke steckt, wird in »Pig Business« fündig.

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