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Streifzüge durch die Plastikwelt

Ein Politikwissenschaftler und Kulturanthropologe beleuchtet auf originelle Weise das Plastikproblem unserer Zeit.

Seit 1950 hat die Menschheit weltweit fast neun Milliarden Tonnen Plastik produziert. Das ist ungefähr 25-mal das Gewicht aller heutigen Menschen auf der Erde. Eigentlich könnte man unser Zeitalter daher als Plastikzeitalter bezeichnen, schreibt Stefan Schweiger in diesem Buch. Er arbeitet als Politikwissenschaftler und Kulturanthropologe im Forschungsprojekt »PlastikBudget« des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Auf Veranstaltungen rund um das Thema Plastik berichtet er regelmäßig über Perspektiven und erzählt »Kunststoffgeschichten«, von denen das Buch einige bündelt.

Im Rahmen einer Datenerhebung stellte der Autor zahlreichen Menschen die Frage: »Auf welches Produkt auf Kunststoff könnten Sie verzichten?« Er war erstaunt, wie viele mit »auf alle« antworteten. Etliche Teilnehmer hatten offenbar nicht bedacht, dass ihre Brillengläser genauso wie ihre Smartphones ebenfalls aus Kunststoff bestehen.

Lichtschalter aus Bakelit

Im Sinn einer besseren Aufklärung erzählt Schweiger die Geschichte des Plastiks in 37 kurzen Episoden, die je zwei bis vier Seiten umfassen. Oft geht es dabei um Produkte, die wir heute in der Regel gar nicht mehr kennen, wie Lichtschalter aus Bakelit, Kunststoffe aus Käse oder Plastilin-Erzeugnisse im Kinderzimmer. Der Politologe zeigt auf, dass die Suche nach Plastik-Ersatzstoffen oft von Nationalstaaten befeuert wurde, um unabhängig von Rohstoffen zu werden.

Den Luftballon, den Nuckelverschluss an Mehrwegflachen oder das Kondom: Sie alle stellt Schweiger in einen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang. Immer wieder geht er auf Aktionen ein, um den wachsenden Müllberg zu reduzieren. Dazu gehören etwa der Fünf-Schritte-Plan der Bundesregierung oder das gescheiterte Projekt »The Ocean Cleanup«, das die Meere vom Müll reinigen wollte. Dabei belässt es der Autor nicht bei einer reinen Schilderung. Er kritisiert, vermeintliche Retter wie die bei »Ocean Cleanup« suggerierten, das Plastikproblem sei technisch lösbar – was die erforderliche grundlegende Veränderung unseres Konsumverhaltens verhindere.

Von einem eher nüchternen Duktus in seinen Anekdoten über Forscher oder gefährliche Tischtennisbälle steigert Schweiger sich manchmal, wie er selbst anmerkt, in polemische Anklagen hinein. Das bleibt allerdings durchweg nachvollziehbar und amüsant zu lesen. So nimmt er eine Influenzerin aufs Korn, die unter dem Label »plastikfrei« ein Naturprodukt bewarb, nämlich einen Schwamm aus der Knolle der Teufelszungen-Pflanze, weil der länger zum Abschminken zu benutzen sei als Wattepads zum Wegwerfen. Allein schon der Transport aus den tropischen Verbreitungsgebieten dieser Pflanze hierher mache dieses Produkt keinesfalls nachhaltiger, merkt der Autor an. Das Konzept sei ähnlich wenig durchdacht wie der Bambusbecher mit seinem schädlichen Anteil an Formaldehyd und Melaninharz als vermeintliche Alternative zum Wegwerf-Kunstoffbecher. Und so schlägt Schweiger immer wieder den großen Bogen zum Thema Nachhaltigkeit.

Das Buch ist ein abwechslungsreich geschriebenes Sammelsurium diverser Aspekte rund um das große Thema Plastik, das weder die Erfinder noch die Produkte einschließlich ihrer positiven Merkmale noch gesellschaftliche Belange auslässt. Nicht alle Texte lesen sich gleich spannend, manchmal gerät der Autor zu sehr auf philosophische Abwege. Zuvorderst appelliert er, das Problem des Plastikmülls anzugehen. Verantwortlich für dieses Problem sieht er vor allem die Wachstumsgesellschaft als Ganze und nicht so sehr das Verhalten Einzelner, die sich seiner Ansicht kaum gegen die Verführungen der Konsumwelt wehren können. Einzelmaßnahmen wie Zahnbürsten oder Computertastaturen aus Holz hält er nicht für realistische Wege, die Welt nachhaltiger zu machen. Solange die kapitalistische oder auch sozialistische Wirtschaft an Wachstumssucht kranke, meint er, würden die Verbraucher ständig manipuliert. Der einzige Weg, einer Lösung näherzukommen, seien Verbote.

Immer wieder reichert der Autor seinen Text mit Zahlen, Studienergebnissen oder auch philosophischen Anmerkungen an. Die nüchternen Forschergeschichten, anekdotischen Erzählungen und polemischen Exkurse machen das Werk zu einem unterhaltsamen Buch, das auf originelle Weise über die Kunststoffwelt berichtet.

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