»Politikzirkus«: Gute Ideen, trübe Quellen
Der Titel des Werks deutet bereits auf dessen zentrale Aussage hin: Es geht um eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit der oft oberflächlichen Behandlung wichtiger Fragen in der öffentlichen Diskussion. David Nelles ist einigen vielleicht durch seine Veröffentlichungen zum Thema Klimawandel bekannt. Er leitet die sogenannte Klimafabrik, die Fortbildungen zum Klimaschutz anbietet. Zwar steht auch in seinem Buch der Klimawandel im Mittelpunkt, aber Nelles geht zusätzlich auf verwandte Fragestellungen ein, etwa zur Ernährung oder zu Rohstoffen.
»Politikzirkus« verweist auf die Problematik des »parteipolitischen Hickhacks«, der laut Nelles dazu führt, dass drängende Herausforderungen wie der demografische Wandel, der Klimaschutz oder die Digitalisierung nicht sachgerecht angegangen werden. Das Buch verspricht, das »Debattenchaos aufzubrechen«, um »wieder lösungsorientiert und pragmatisch nach vorn zu gehen«. Wie das aus seiner Sicht gelingen könnte, veranschaulicht der Autor an vielen Beispielen, von denen Leserinnen und Leser tatsächlich einiges lernen können.
Unklare Datenbasis
Leider weist das Buch aber grundlegende Mängel auf, die seine Eignung als Basis für eine sachliche Argumentation deutlich einschränken: Es fehlen wirklich brauchbare Quellenangaben sowohl zur relevanten Literatur als auch zu verwendeten Zahlen und Abbildungen. In der Einleitung wird eine Internetseite genannt, die vor allem Verlinkungen auf weitere Websites bereithält, was zu einer umständlichen und zeitaufwendigen Suche führt. Der Autor nimmt für sich in Anspruch, mehr als 2000 Quellen verfügbar gemacht zu haben. Das klingt jedoch etwas kurios, da man sich diese Quellen de facto mühsam selbst erschließen muss – was sich auch ohne dieses Buch bewerkstelligen ließe.
Insbesondere bei den vielen Zahlen und Statistiken – etwa zum Fleischkonsum, zur vegetarischen Ernährung oder zur Reduktion von Treibhausgasen – wüsste man wirklich gern, woher die Daten stammen, wer sie wo und wie erhoben hat. So muss man dem Autor und seiner Argumentation entweder blind vertrauen oder mit viel Aufwand selbst recherchieren, um Bedeutung und Verlässlichkeit der verwendeten Zahlen wirklich einschätzen und bewerten zu können. Dieser grundlegende Mangel entwertet die gesamte Darstellung erheblich, denn für die Qualität eines solchen Sachbuchs spielen Auswahl und Transparenz der Quellen eine zentrale Rolle.
Gut gemeinte Bezüge zur Hirnforschung
Ein inhaltlicher Mangel besteht darin, dass Nelles menschliches Verhalten meist ausschließlich mit Hirnfunktionen zu erklären versucht. Auf den ersten 40 Seiten beruft sich der Autor wiederholt auf Erkenntnisse der Hirnforschung. Ob das in dieser Form notwendig und angemessen ist, darf bezweifelt werden. Kurze Passagen behandeln Aussagen wie »Gehirne wollen Sicherheit«, »Gehirne fokussieren Negatives«, »Gehirne lieben Gewohnheiten« und Ähnliches. So werden viele Sachverhalte mit Ergebnissen aus der Hirnforschung begründet. Das ist zwar gut gemeint, doch die oft sehr komplexen Sachverhalte lassen sich auf diese Weise meines Erachtens nicht seriös erklären, zumal die vermeintliche Begründung der sehr pauschalen Aussagen auf wenigen Seiten erfolgt.
Ein Beispiel: Die Feststellung »Allein der Gedanke an Veränderungen löst […] in vielen Gehirnen schon Unsicherheit aus« stimmt so pauschal sicher nicht. Wir wissen aus Studien zur sensorischen Deprivation, dass gerade der Wechsel wichtig ist, damit Hirnfunktionen normal ablaufen können. Veränderungen sind also eine wichtige Voraussetzung für dieses Funktionieren und können nicht einfach als Störfaktoren betrachtet werden, wie dies der Autor in seiner Aussage tut. Die Hirnforschung ist ein hochkomplexes Forschungsgebiet, und gerade weil sich zu fast jeder These vermutlich passende neurologische Befunde oder Daten aus bildgebenden Verfahren finden lassen, sollte man auf grobe Vereinfachungen wie die genannte wohl eher verzichten.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: die wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Annahme, dass Argumente automatisch überzeugender sind, wenn sie durch eine neurophysiologische Erklärung gestützt werden. Seit fast 20 Jahren wird dieses Problem nicht nur vom Deutschen Ethikrat, sondern auch von namhaften Psychiatern und Philosophen diskutiert. Das bewusste Erleben und die daraus resultierenden Handlungsweisen spiegeln die komplexe Beziehung eines Lebewesens zu seiner Umwelt wider. Dabei übernimmt das Gehirn vor allem eine Mittlerrolle; seine Funktion kann nicht alle Lebensäußerungen erklären.
Zumindest etwas aufgewogen werden diese Unzulänglichkeiten durch die vielen interessanten Beispiele, die David Nelles anführt. Sie belegen, dass sich zahlreiche Probleme konstruktiver angehen ließen, wenn sie in der Öffentlichkeit ernsthafter und differenzierter diskutiert würden. Im letzten Teil »Was wir tun können!« formuliert Nelles denn auch Ratschläge dazu, wie wir mit schlechten Nachrichten umgehen sollten. So empfiehlt der Autor, den Überfluss an Informationen zu reduzieren, sich auf positive Nachrichten zu konzentrieren und zu berücksichtigen, dass tatsächliche Veränderungen viel Zeit benötigen. In den Unterkapiteln »Die Zukunft neu denken« und »Selbst anpacken« finden sich ähnliche Empfehlungen. Wenn sie die Leser dazu anregen, sich intensiver mit den angesprochenen Fragen auseinanderzusetzen, wäre durchaus etwas erreicht.
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