»Problemwölfe«: Ein Lehrstück in Sachen Demokratie
Der Staatstheoretiker Thomas Hobbes war sich sicher: »Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.« Hobbes nahm an, dass die raubtierhafte Natur des Menschen nur durch eine absolute Staatsgewalt eingehegt werden könne. So mancher Autokrat beruft sich – die komplexe Gedankenwelt des Philosophen arg verkürzend – bis heute auf Hobbes, um die Demokratie samt der aktiven Teilhabe des Volkes und dem Schutz von Grundrechten für schwach und überkommen zu erklären.
Für das Leben in einer Demokratie ist absolut zentral, was ihre Feinde regelmäßig bekämpfen: Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten. Genau darum geht es in diesem spannenden Jugendroman der österreichischen Autorin und Illustratorin Agi Ofner, der sich als Lehrstück in Sachen Demokratieverständnis lesen lässt.
In einem Bergdorf taucht eines Tages ein Wolf auf und löst unter den Bewohnern einen Sturm an Gefühlen und Meinungsäußerungen aus. Der Ruf nach Gegenwehr wird laut, nach Konsequenzen, unter denen sich die einzelnen Dörfler dann aber durchaus Verschiedenes vorstellen. Für die einen ist »die Bestie« eine Gefahr für Leib und Leben. Für die anderen stellt der geplante Bau eines Luxushotels die wahre Bedrohung ihrer Existenz dar.
Fünf ziemlich verschiedene Teenager sind die Protagonisten der Handlung, sie stehen exemplarisch für die Fliehkräfte einer pluralistischen Gesellschaft. Marlene ist Natur- und Tierfreundin, die den Wolf (und die Welt) retten will. Sie demonstriert für die Freiheit des Wolfes und gegen den Hotelbau. Jonas ist Einzelgänger und Bedenkenträger, der sich lieber aus allem heraushält. Amal ist aus einem Krisengebiet geflohen, ihre Maxime lautet »Anpassung und Leistungsbereitschaft«. Urlauberin Saskia-Mattea fühlt sich nicht akzeptiert, als Außenseiterin. Und Rudi hat als Sohn des leidtragenden Schäfers naturgemäß seine ganz eigene Sicht auf den Wolf und wirft den monetären Verlust gegen das Leben des Tieres in die Waagschale.
Es geht nicht um den Wolf, es geht um das Fremde an sich
Mit einer multiperspektivischen Erzählweise bändigt Agi Olfner die verschiedenen Meinungen, sie lässt die Jugendlichen abwechselnd ihre Sicht der Dinge schildern. Als Leser lernen wir so ihre Motive und Gedanken kennen, fühlen mit den Protagonisten, verstehen sie, obwohl – oder gerade weil – alle Figuren so unterschiedlich sind und handeln. Auch die Statements der Dorfbewohner prägen die Geschichte: »Er gehört nicht hierher, sagen die Leute. Er soll hinter den Grenzen bleiben, wo er doch eh schon ein Zuhause hat.« Bald wird deutlich: Hier geht es längst nicht mehr nur um den Wolf, sondern auch um die Begegnung mit dem Unbekannten an sich. Der Wolf wird zum Sinnbild des Unbezähmbaren und Fremden, zur Projektionsfläche für die Furcht der Menschen, die nicht wissen, wie sie ihm begegnen sollen.
Bei einer lebensgefährlichen Rettungsaktion für die eingeschneite Marlene treffen schließlich alle fünf Helden auf der Alm zusammen. Ein Wesen stirbt, es ist nicht der Wolf. Nach der Katastrophe finden die fünf nach zähem Ringen doch noch zu einer gemeinsamen Position: »Der Plan ist ein Kompromiss und utopisch, aber es ist ein Versuch«, fasst Marlene das Ergebnis zusammen. So schmerzhaft der Weg bis dahin für alle auch war – durch die Einigung haben die Protagonisten auch zu einer Kraft gefunden, die ihre Gemeinschaft tragen könnte; und haben dafür all die Anstrengungen durchlebt und durchlitten, die ein solcher »Bund« eben mit sich bringt.
Die Ambivalenzen, die jede Gemeinschaft – auch die Demokratie – prägen, spiegeln sich auch in Ofners reduzierten Illustrationen kunstvoll wider: Wie zufällig dahingetupft wirkende Tuschekleckse oder scheinbar willkürlich gesetzte Pinselstriche verwandelt sie mit wenigen Strichen in unterschiedliche Wölfe – mal knuffig-niedlich, mal düster-bedrohlich. So entsteht ein Wolf mit vielen Gesichtern, je nach Perspektive.
Agi Ofner ist nicht nur eine Parabel über Demokratie und Pluralismus gelungen, sondern auch eine großartige »Coming of Age«-Geschichte: lebendig, spannend und lehrreich. Inklusive eines Hoffnungsschimmers für das Gelingen von Demokratie.
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